Besuch bei der Türmerin
Schon lange hatte ich mir gewünscht, wenigstens ein einziges Mal bis zur Türmersfrau der St. Georgskirche in Schlaggenwald hochsteigen zu dürfen. Sobald ich mit meiner Großmutter zusammen von der Gfeller Straße in die Neue Straße einbog und die mächtige Kirche so über das Städtchen ragen sah, begann ich zu betteln und zu fragen, ob und wann wir bitte, bitte endlich mal den versprochenen Besuch in die Türmerwohnung machen würden. Stets hatte die Großmutter irgendwelche andere Verpflichtungen, derer sie sich nach dem Kirchgang und dem Besuch an Großvaters Grab noch zu entledigen hatte. So mußte ich wirklich sehr lange warten, bis sie meiner Bitte entsprechen wollte.
Es war an einem sonnenreichen Ostersonntag. Die Lerchen jubilierten schon über den Wiesen und Äckern, als Großmutter und ich über die Gfeller Höhe gingen. Durch die Kleider krochen wärmend die Sonnenstrahlen und belebten die winterstarren Glieder. Dazu fächelte lau der Frühlingswind um Stirn und Wangen. Meine Großmutter freute sich darüber, man konnte es ihr ansehen. Darum betrachtete ich den Zeitpunkt für geeignet, meinen alten Wunsch neu vorzutragen: „Bittschöi, Großmutta, könn ma heit neat aff'n Turm affe göi?". Da versprach die Großmutter, daß sie mir nach der Hl. Messe und dem Grabbesuch zur Türmerin wolle. Die beiden Frauen kannten sich gut, Großmutter war in der Türmerwohnung auch öfter Gast, aber eben zu einer Zeit, wenn ich gerade nicht in Gfell war.
Zum Kummer meiner Großmutter konnte ich niemals während des Gottesdienstes so andächtig sein, wie sie es als Christenpflicht hielt. Tausend Dinge lenkten mich ab. Erst schaute ich mir die Leidensstationen an, dann die vielen anderen Bilder, dann die Großmutterln um mich herum, dann schaute ich zu den Burschen auf der Empore, wie sie eifrig den aufblühenden und den aufgeblühten Mädchen in den Bankreihen zuwinkten. Wenn dann noch der Weihrauch aufstieg, begann ich unruhig mit den Füßen zu scharren, denn der Duft, verbunden mit einer Wolke von Mottenkugelgeruch, die aus den Sonntagsgewändern der Kirchgänger wehte, brachte meinen Magen in gefährliche Schwingungen. Manchmal mußte ich deswegen das Gotteshaus verlassen. So lange es aber noch nicht derart schlimm war, scharrte ich mit den Füßen, was meine liebe Großmutter zum Zittern bringen konnte. Außerdem spielte ich noch an den Fransen ihres Kaschmirtuches, — und ich zählte meine Knöpfe. Zwischenrein gähnte ich und schnappte hörbar nach frischer Luft. Für meine Großmutter war das Maß voll, denn als wir während des feierlichen Schlußgeläuts dem Ausgang zustrebten, hatte sie ein sehr ärgerliches Gesicht und sie sprach kein Wort. Erst draußen zischte sie mich gefährlich an und zu zweifeln begann, ob wir heute wirklich auf den Turm steigen würden. In angemessenem Abstand ging ich schweigend hinter der alten Frau. An Großvaters Grab auf luftiger Höhe, unweit vom Totenglöckerlturm, zupfte ich Grashälmchen zwischen der „Fetten Henne" und der „Hauswurz" heraus. Dann stellte die Großmutter „Himmelschlüsserla" von Schönhansels „Tala" vor das Kreuz und zündete ein Lichtl an. Gemeinsam beteten wir noch das Vaterunser, wobei ich mich hütete, mich zu bewegen sagte, nur um Großmutters Ärger nicht noch mehr anzustacheln. Sie ließ sich nichts anmerken, und es gab keinerlei Anzeichen, woraus ich hätte schließen können, welche Pläne sie nun hatte. Still ging ich später wieder hinter ihr her. Als wir bereits an der alten Holztüre zum Turmaufstieg vorbei waren, blieb meine Großmutter plötzlich stehen, drehte sich nach mir um und lächelte mich an. Dann nahm sie meine Hand und führte mich zu den ausgetretenen Treppen, wo sie vor mir hochzusteigen begann. Erst in der Uhrenstube rasteten wir. Großmutter zeigte mir dabei das altersdunkle Uhrwerk mit seinen Rädern und Ketten, die ächzten und knarrten. Dann kletterten wir die steile Stiegenleiter zur Glockenstube hinauf. Im Halbdunkel hing das wunderbare Geläut, welches weithin über unsere schöne Heimat hallen konnte. Am Ende der letzten Stiegenleiter stand bereits die Türmerin, denn sie hatte uns schon vernommen gehabt. Wer in solch einsamer, stiller Höhe lebt, bekommt ein feines Gehör. Wir wurden freundlich aufgenommen und gleich in die Stube eingeladen. Ich aber wollte auf dem Umgang bleiben und ins Land schauen. Es war ja so unbeschreiblich und unvergeßlich schön hier oben. Ringsherum die Hochflächen mit ihren Huckeln und Waldzügen, dem Krudum, dem Spitzberg, mit Schönfeld, Rabensgrün, Leßnitz und dem Windhof. Auf der anderen Seite schweifte der Blick zum Poschitzauer Wald mit dem „Sand" davor und dann weiter rechts der Wald bei Gfell in Richtung Ziegelhütten. Und überall an den Feldrainen das Haselnußgebüsch.
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