Es war um die Jahrhundertwende . . .
Zu den eindrucksvollsten Erzählungen meines Vater, die in mir so besonders nachhaltig haften geblieben sind, gehören zwei aus der Wende des vergangenen Jahrhunderts. Ich hatte sie zwar oft gehört, wurde aber nie müde, sie immer wieder aufs neue zu vernehmen.
Mein Vater war, als jenes geschah, noch ein kleiner Bub. Er spielte damals sorglos am Bächlein, baute Dämme, zielte mit Steinchen nach den gackernden Hühnern, scheuchte mit der Peitsche die schreienden Gänse, zog die klagende Katze beim Schwanz und den jaulenden Hund bei den Ohren. Er tat eben alles, was kleine Lausbuben zu tun pflegen. Zwischenrein bekam er von seiner Mutter eine Tracht Prügel für seine Missetaten. Des Abends aber wurde der Junge brav und lief, wenn sein Vater müde aus Karlsbad von der Arbeit kam, ihm auf dem schmalen Steig entgegen. Da nahm der Mann sein Kind in die Arme und strich mit schwerer Hand über den kleinen Rotschopf. Der Vater war wortkarg, denn harte Arbeit macht die Zunge nicht leichter. Dennoch, einmal, als der Vater zu ungewohnt früher Zeit schon heim kam, war er so voll der Erlebnisse und Aufregungen, daß sein Mund überquoll.
Über das Tepl- und das Lamnitztal war bis Karlsbad ein solch schweres Unwetter niedergegangen gewesen, daß beide sonst so friedlichen Bäche zu reißenden Strömen wurden. Sie überfluteten ihre Täler mit den Dörfern und Mühlen, und bei Pirkenhammer, wo die Berge nahe zueinander rücken, staute sich das Wasser zu einer gefährlichen Sturzwelle, um sich dann donnernd über die Enge Karlsbads zu ergießen. Dort hatte zur Stunde eine Jubiläumsfestlichkeit der Stadt mit vielen Gästen und Bürgern stattgefunden. Viele berühmte Persönlichkeiten waren eingeladen worden. Bedingt durch das Unwetter und der damit verbundenen Aufregungen ist der damalige Bürgermeister Knoll am Herzversagen gestorben. Die Schäden, die an Gebäuden, Brücken, Straßen usw. angerichtet worden waren, sollen so schlimm gewesen sein, daß vom Stadtrat sofort der Beschluß gefaßt wurde, vor der Stadt baldigst einen Stausee zu errichten. Allerdings zogen sich die Planungen sehr in die Länge und konnten beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges vorerst nicht mehr verwirklicht werden. Viel später, schon in der Zeit der Arbeitslosigkeit 1931 bis 1936, ich erinnere mich noch genau, wurde der Plan endlich knapp unter dem „Aicher Gelenk" in die Tat umgesetzt.
Doch nun zurück zu der besagten Überschwemmung, übrigens die neunte und schwerste, die Karlsbad heimsuchte. Damals soll das Wasser auf der „Alten Wiese" bis zum ersten Stock der vornehmen Hotels und Kurhäuser gestiegen sein und habe sich bei der Mündung der Tepl in die Eger bei der Teufelsinsel in Karlsbad noch weit bis Fischern und Donitz gestaut, bis es endlich durch das breitere Egertal abfließen konnte. Mein Großvater war mit anderen Männern zusammen über Aich — St. Leonhard bis zu den Höhen beim Hirschensprung gelaufen, wo viele geflüchtete Karlsbader und ihre Kurgäste dürftig bekleidet und fröstelnd runter in das Inferno von wütenden und tobenden Wassermassen sahen. Die Saison war nun leider für das damalige Jahr damit beendet, denn so bald die Gäste konnten, verließen sie das verwüstete Tal, und es dauerte lange, bis die schlimmsten Schäden beseitigt waren. Dieses Unglück, das in die Geschichte Karlsbads eingegangen ist, hatte meinen Vater von Kindesbeinen an bis ins hohe Alter hinein tief bewegt, denn die täglich neuen Hiobsbotschaften, die noch über Wochen wegen der Katastrophe bekannt geworden waren, gruben sich tief in die Knabenseele ein.
Die zweite Begebenheit, über die mir mein Vater ebenfalls erzählte, trug sich einige Jahre später zu. Es muß genau zur Wende des Jahrhunderts gewesen sein. Vater ging bereits nach Schlaggenwald in die Bürgerschule. In seiner Freizeit hütete er die Kühe der Bauern von Gfell. Der Weideplatz war oberhalb des Dorfes in Richtung Schlaggenwald, dort wo die kleine Hochfläche beginnt. Von dieser Stelle hatte man einen herrlichen Rundblick und konnte an klaren Tagen über den Kaiserwald weit in das Duppauer Gebirge sehen.
Weil das Kühehüten allein nicht sonderlich viel Abwechslung bot, nahm sich der Bub eine leere Zuckertüte und den Bleistift mit. Er wollte zeichnen, was er besonders gern tat. Ein Zeichenblatt wäre zu teuer gewesen, denn die Mutter mußte mit jedem Heller rechnen. Als die Kühe schön friedlich weideten, legte sich der Bub ins Gras und suchte ein Motiv. Da fiel sein Blick in Richtung Lessnitz, das an den jenseitigen Berg zwischen Bäumen und Sträuchern angelehnt war. Seine Giebel leuchteten hell in der frühen Herbstsonne. Schwalbenscharen zogen bereits südwärts und über dem Tal zog ein Bussard seine Kreise, weshalb das Kind sich immer wieder von dem reizvollen Bild des Dorfes abwendete. Aber
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