Die Zeit löst vieles
Oft irrt der Mensch und glaubt, daß alles von seinem Willen und seinem Geist abhängen würde. Er plant mit letzter Genauigkeit, jedoch wenige Sekunden zu früh oder zu spät bringen alles ins Wanken, und es war die Mühe umsonst. Davon soll meine Geschichte erzählen.
Während der Herbstmonate des Jahres 1928 raste die damals so gefürchtete Scharlachwelle über unser Egerland und erfaßte auch mich. Meine gute Mutter saß pausenlos betend und weinend an meinem Bett, während ich in Fieberträumen um mich schlug.
Mein Vater indessen rannte unruhig im Zimmer auf und ab, ähnlich wie der hungrige Löwe im Käfig. Da das aber alles nicht helfen konnte, mußte der Arzt kommen. Dieser ordnete die sofortige Einlieferung in die Isolierstation des Karlsbader Krankenhauses an. Augenblicklich wurde ich meinen besorgten Eltern entrissen und in die karbolstinkende Infektionsabteilung gebracht, wo bereits viele scharlachkranke Kinder lagen. Von der Stunde an durften mich Vater und Mutter nur noch durch die Glasscheibe besichtigen, was natürlich ihren Kummer nicht mildern konnte, denn ich lag fieberrot mit geschlossenen Augen in meinem Bett, döste vor mich hin und war außerstande, meinen Eltern einen Blick oder gar ein Lächeln zu schenken.
Zu der damaligen Zeit wurden die Patienten in den Karlsbader Krankenanstalten nur von Ordensschwestern gepflegt. Diese waren sehr fleißig und gewissenhaft, sie liefen den ganzen Tag hin und her, prüften die Fieberkurve, legten Essigstrümpfe an, trugen Nachttöpfchen raus, wuschen ihre kleinen Patienten und suchten auf deren Köpfen nach Läusen. Zwischendurch reinigten sie immer wieder Möbel und Fußböden mit Karbolwasser.
Jedoch all diese mannigfaltigen Arbeiten der Nonnen konnten meinen Vater nicht daran hindern, fünfmal am Tag an die bewußte Glasscheibe zu klopfen, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen. Er schickte mir dabei viele schöne Spielsachen — die ich später nicht heimnehmen durfte — außerdem das von mir sonst so sehr geschätzte Himbeergelee und büchsenweise Oblaten. Meine arme Mutter kam wegen der übergroßen Aktivität meines Vaters überhaupt nicht zum Zuge, denn sie wollte den Pflegerinnen nicht noch zusätzlich auf die Nerven fallen. So stand sie meistens still an der Glasscheibe, sah mich sorgenvoll an und wischte sich ab und zu verstohlen die Tränen aus den Augenwinkeln.
Als es mir dann endlich besser ging, und ich wieder auf wackligen Beinen stehen konnte, bekam ich oft am späten Abend heimlichen Besuch von meinem Vater, weshalb er immer über den hohen Eisengitterzaun klettern mußte. Zunächst war ich sehr erschrocken, als plötzlich in der Dunkelheit jemand an mein ebenerdiges Fenster klopfte, aber dann wußte ich bald Bescheid und öffnete es bereits vorher spaltbreit, damit Vater seine Gaben nur hinzulegen brauchte. Da begann seine Zuversicht zu wachsen. Jedoch als ich noch so schwerkrank darniederlag, daß die Eltern verzweifelt um mein Leben bangten, entschloß sich Vater eines Tages sogar, beim Herrn Primarius eine Aussprache zu erwirken, um zu erfahren, ob auch alles zu meiner Genesung getan werde. Nach althergebrachter Weise sagte er sich, daß Kleider Leute machen und man dadurch viel Eindruck bewirken kann. Aus diesem Grunde zog er den maßgeschneiderten „Pfefferundsalzenen" an, band sich eine dezente Krawatte vor den steifen blütenweißen Hemdkragen, zog den halblangen Wollmantel mit Seidenfutter an und setzte sich schließlich den „Halbkracher" auf den Kopf. Dann eilte er in Richtung Krankenhaus, um den vereinbarten Termin nicht zu versäumen. Aber leider wurde er unterwegs von einem wichtigen Kunden angesprochen und in eine Unterhaltung verwickelt. Als er sich endlich verabschieden konnte, war so viel Zeit vergangen gewesen, daß Vater in fliegender Hast die lange, steile Treppe zum Krankenhaus hochraste. Er gelangte just in diesem Augenblick erhitzt und atemlos an die Pforte, als der Herr Primarius Dr. Dobrauer nach vergeblichem Warten über den Kiesweg zu seiner wartenden Droschke schritt. Mein Vater sprang noch schnell hinzu und zog bereits seinen Hut, um sich ergebenst vorzustellen und seine Fragen anzubringen, da huschte plötzlich die „Schlaggawalla Resl" hinter der Pfortensäule hervor, wo sie meistens zu betteln pflegte. Sie hatte der Jahreszeit entgegen einen riesigen, wippenden Strohhut mit buntem Sommerblumenschmuck auf dem Kopf, ihre knochigen Glieder reckten sich unter einem alten, zerschlissenen, dünnen Mantel, der fast bis zum Erdboden reichte, und
věta pokračuje na dalším listu ⟶
Rozdělení textu na listy je odhad — text může o odstavec přetéct na sousední list. Původní znění vlevo je vždy přesné.
Klikni na větu a ukáže se, kde na skenu stojí. Zvýrazňují se celé řádky, ne přesná slova — místo je tedy přibližné.
