Schlaggenwälder Heimatbrief — Folge 155
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Die letzte Stunde daheim und die erste Stunde als Flüchtling, am Anfang eines neuen Lebens — „öitza sama Zicheina„ — wurde trotz Wehmut und Abschied dennoch schwungvoll und zuversichtlich angegangen.

Hatte man doch beim Durchzug der Schönfelder und Lauterbacher Fuhrwerke, beim Hinüber- und Herüberwinken über die Flut — als letztes Zeichen einer langen Zusammengehörigkeit — den unbeugsamen Willen gespürt, das Leben auch über diesen Tag hinaus zu bestehen. Vor der tschechischen Schule war der Sammelplatz. Hier wurde abgeladen und in einer langen Schlange bis zum Keylwerth und zur Mädchenschule aufgestellt. Um 8 Uhr früh gings los und es dauerte bis spät in den Nachmittag. Da saßen wir zum erstenmal auf unseren neuen Möbeln, rückten von Zeit zu Zeit mit ihnen weiter und konnten weiter nichts tun, als „den Schneckn af d' Schwanz schlogn, daß sie niat biseln".

Es war keine „Sekkiererei", als wir uns mit unseren Kisten und Büdel über die engen winkeligen Treppen in den 1. Stock hinaufquälen mußten. Vor allem ging es darum, die anfallenden ausgesuchten besseren Sachen dem Unbill der Witterung und dem Anblick der Öffentlichkeit zu entziehen. Da wir für diesen Tag aus Raummangel in der Kiste viele Kleidungsstücke in doppelter Anzahl trugen (in Nallesgrün hatte ein alter Junggeselle drei Hüte übereinander am Kopf) kamen wir dabei bald in „d'Wirm". Durch drei Zimmer hindurch wurde drüben, ums Eck, am Alten Markt wieder hinuntergeräumt und auf den Lastwagen geladen.

Wo Eltern und Kinder zusammen waren, mag das Fortgehen von daheim leichter gefallen sein. Viele Familien bangten um Väter und Söhne, von denen sie keine Nachricht hatten. Am schwersten, ich habe es bis heute nicht vergessen, hat es die Frau Gebhart gehabt. Ohne Mann und Sohn, links und rechts ein Kind an der Hand, das Gepäck von anderen weitergeschoben, mußte sie diesen Weg ins Ungewisse antreten.

Noch ein letztes Winken und die Wagen setzten sich dann nach Neusattl in Bewegung. Für uns, weil unser Vater von der Burg für die Aussiedlung doch nicht freigegeben wurde, endete die Fahrt schon unten am Marktplatz. Der Wagen wurde angehalten: Jakob! absteigen! abladen!

Da standen wir nun: einen langen Tag Kisten geschoben, getragen und geladen, daß man die Hände und Arme nicht spürte, und nun die Enttäuschung.

Der Großvater holte uns ja gerne mit den Kühen wieder heim. Umsonst sind wir so zuversichtlich in diesen ersten Tag hineingegangen. Das war im März, um Ostern herum.

Im Juni waren wir dann doch dabei. Am 21. saßen wir schon in Auerbach zwischen Rathaus und Kirche auf unserem Reisegepäck und waren angetan von all dem Neuen, was auf uns einstürmte. Es gäbe viel zu schreiben darüber, und meine Überzeugung ist nicht gering, daß andere auch schreiben können.

Es wäre der gemeinsame weitere Weg dieser Kisten über Neusattl, Schirnding, Wiesau, Eschenbach bis Auerbach zu beschreiben. Danach dann der getrennte Weg jeder einzelnen Familie, der uns in einer abenteuerlichen Fahrt an die Bergstraße führte. Es müßten die längeren Wohnaufenthalte in den Kreisen Darmstadt, Bergstraße und Dieburg erwähnt werden.

Ich müßte darüber schreiben, wie ich durch Heirat — wer nix daheiat — nix dairbt, der bleibt a Noarr, bis daß a stirbt — noch einige Kisten aus Rollessengrün, Krs. Eger dazubrachte.

Es müßte dann aufgezeichnet werden, wie nach der großen Reise dieser Kisten Jahre kamen, in denen ihnen nur ein geringerer Dienst zum Kohlen- und Kartoffeleinlagern, zum Aufbewahren von allerlei Hausrat und ausgedienten Einmachgläsern zugedacht war.

Es gab Kisten, aus denen wurden Hasenställe für die Enkelkinder gebaut. Gut mögen es einige Kisten, die überleben durften, bekommen haben, wenn ihnen ein Platz im modern gekachelten komfortablen Kellerraum neben Sauna und Fitnessgerät angeboten wurde. Vielleicht ist einer Kiste das Glück widerfahren, in der gegenwärtigen Phase der Bauernmalerei von talentierter Hand mit Blumen bemalt zu werden. Und ich könnte mir denken und wünschen, daß mancher Besitzer einer modernen Hobbywerkstatt, zuletzt aus den guten Kistenbrettern für die Buben einen Rumpelkasten bauen würde, damit sie in der Karwoche wieder rumpeln könnten, wenn die Glocken schweigen.

H. Jakob

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