Schlaggenwälder Heimatbrief — Folge 155
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FLÜCHTLINGSKISTEN

Da und dort begegnet man in den Wohnungen älterer Heimatvertriebener, in der Ecke, im Hausgang, im Treppenhaus heute noch manchmal eine jener Kisten, mit denen wir 1945 ausgesiedelt sind. Bei Wohnungswechseln und Übersiedlungen, beim Einzug ins neue Haus, waren sie immer dabei.

Vereinzelt taucht hin und wieder noch eine auf, wenn Wohnungen infolge von Todesfällen aufgegeben werden.

Bevor die letzte Kiste ganz verschwunden und vergessen sein wird, möchte ich die damit verbundenen Erinnerungen für die Leser noch einmal lebendig machen.

Meine Mutter sagt zwar immer, wenn ich sie nach Einzelheiten frage, das will doch heute niemand mehr wissen, war eh' nur Sorge und Leid. Das alte Zeug soll man nicht mehr auskramen — die Tao(t)n roua laua! Schönes gäbe es darüber nichts zu schreiben. Mir aber läßt es doch keine Ruhe; ich möchte, daß Kinder und Enkel über diese Zeit von uns noch einiges erfahren.

Im Mai 1945 ging der Krieg zu Ende. Schlaggenwald war unversehrt geblieben und hatte bis dahin keine größere Not zu ertragen. Jetzt aber wurden die Uhren zurückgedreht. Die Tschechen, wir hatten sie schon vergessen, kamen nach 7 Jahren als „Herren" zurück. Der Ruf „Wir wollen heim ins Reich" sollte erneut — traurig, in einer anderen Weise — Aktualität erlangen. Im recht- und gesetzlosen Durcheinander dieser Sommermonate brachte jeder Tag neue Hiobsbotschaften: fortlaufend wurde durchsucht, beschlagnahmt und verhaftet. Die Siegermächte USA, UdSSR und Großbritannien, vertreten durch Truman, Stalin, Churchill-Attlee und deren Außenminister, beschlossen am 2. August in Potsdam, Frankreich trat 2 Tage später bei, „ . . . daß die Überführung der deutschen Bevölkerung oder Bestandteile derselben, die in Polen, Tschechoslowakei und Ungarn zurückgeblieben sind (von was zurückgeblieben?) nach Deutschland durchgeführt werden muß". Und „ . . . sie stimmen darin überein, daß jede derartige Überführung, die stattfinden wird, in ordnungsgemäßer Weise erfolgen soll".

Im Herbst jenes Jahres wurde auch uns zur Gewißheit: Alle Deutschen müssen raus! Wir wußten kaum etwas darüber, unter welch' unvorstellbaren Grausamkeiten, schon bald nach Ende der Kampfhandlungen, nur ein wenig weiter, im Duppauer und Saazer Land, in Komotau, in Aussig und an anderen Orten, die Menschen in die Lager, über das Erzgebirge und in die Elbe getrieben wurden.

Wir lebten mit weißen Armbinden, ohne Zeitung und ohne Radio. Ohne Genehmigung durften wir den Ort nicht verlassen und die Bahn benutzen. Vielleicht, Dank der Anwesenheit amerikanischer Truppen — bis vor Gfell und auch der größeren Entfernung zum tschechischen Siedlungsgebiet, war uns die Vertreibung als geregelte Aussiedlung mit 50 kg Gepäck vergönnt.

Zu Beginn des Jahres 1946 wußten wir genau, daß die Organisation für den „humanen Abtransport" im Frühjahr anlaufen wird. Wir sahen, was auf uns zukam und konnten uns vorbereiten, um für unser Hab und Gut, nebst einigem Hausrat die Verpackung zu suchen. Die Überlegung richtete sich auf Rucksack und Reisekoffer. Doch darin war unser Zeug nicht unterzubringen. Am besten eigneten sich Kisten, Weidenkörbe, Bauernladen, Militärkoffer, Wäschekasten — ohne Füße —, Buckelkörbe, zugenagelte Waschtröge, Ballen aus Bandlbloan und Waschtöpfe.

Die gebotene Möglichkeit des zugestandenen Gewichts galt es voll auszunutzen. Eher nahm man in Kauf bei der bevorstehenden Überprüfung, d. h. bei der letztmaligen Ausplünderung, einiges zu verlieren, als von sich aus zuvor schon darauf zu verzichten. Im Haus wurden Kisten und Kasten gesucht; wo sie fehlten wurden selbst welche zusammengenagelt oder bei Tischlern und Handwerkern erstanden. Schlösser und Tragegriffe wurden überprüft, Schlüssel probiert und überall der Name des Haushaltsvorstandes angebracht. Ich malte auf drei Kisten oben und an den Seiten mit Mennige deutlich und dauerhaft: „Wenzel JAKOB, Schlaggenwald, Hauptstraße 497".

Auf die gewölbten Deckel der hölzernen Laden wurden zum Ausgleich seitlich zwei Leisten aufgenagelt.

Über Wochen standen sie danach in den Stuben. Immer wieder wurde vor geöffneten Schranktüren probeweise eingepackt und neu überlegt was man alles brauchen wird.

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