Gott macht alles wohl". Die hl. Maria griff mit ihrer wachsbleichen Hand nach ihrem Herzen, das in einem Strahlenkranz sichtbar war, weshalb ich tiefes Mitleid empfand. Ich wäre aber trotzdem noch so gern in der wohligen Geborgenheit von Großmutters Stübchen geblieben, als dann unsere Mutter kam, um uns zu holen.
Der Abschied von der alten Frau wurde schwer, sie schluchzte, und wir klammerten uns an sie. Erst als sie uns eine große, duftende Tüte zuschob, vermochte sie zu entrinnen, denn wir faßten erwartungsvoll nach dem Geschenk. Meine Mutter führte uns dann zu einem Leiterwagerl, wie es sie damals in unserer Heimat noch fast in jedem Hause gab. Sie hatte darin mit warmen Decken und Kissen ein gemütliches Nest gebaut. So ringsherum bis innen durchwärmt, fand ich plötzlich das zu erwartende Abenteuer nicht mehr bedrohlich. Mit Scherzen und Lachen richteten Heinrich und ich uns in der Enge des Wagerls ein, und als wir jeder das richtige Plätzchen gefunden hatten, schauten wir in Großmutters Wundertüte, aus der es uns so weihnachtlich entgegen duftete. Einen Pfefferreiter für Heini, eine herrliche Pfefferdocken für mich, Feigen, Nüsse, Äpfel und Lebkuchen holten wir heraus und teilten alles geschwisterlich. Ein gefüllter Bauch und warme Füße haben schon zu allen Zeiten die Gemüter beruhigt. Und so waren wir zwei Kinder vollends zufrieden. Unser Zustand wurde nahezu euphorisch, als mein Vater das kleine Gefährt hinten beim großen Fuhrwerk festmachte. Nun konnte von uns aus die Reise beginnen. Da ließ auch schon der Kutscher seine Peitsche über den Pferden knallen, daß sie gleich mit einem kräftigen Ruck den Wagen in Fahrt setzten und wir in unserem Wagerl ordentlich durcheinander geschüttelt wurden. Erschrocken sahen wir nach der Mutter, die uns in ihrer geduldigen Weise beruhigte. So ging von nun an stets unmittelbar neben uns, um ja gleich jeden Stoß und jedes Schwanken auf dem holprigen Poschitzauer Weg zur Gfeller Straße abzufangen. Als wir dann endlich über die Hochfläche zogen, empfanden wir es geradezu erholsam, daß die eisenbeschlagenen Holzräder nur noch über Schotter fahren mußten.
Das Schneetreiben hatte aufgehört, es schneite kaum noch. Gfell, das mir später noch so viel bedeuten sollte, lag weiß eingebettet vor uns. Der Kutscher kletterte vom Wagen herunter und zog die Bremsen an, denn nun ging es steil durch das ganze Dorf bergab. Die Hofhunde bellten. Dann und wann rief uns jemand einen Gruß und einige Worte zu, und mein Vater antwortete. Als wir in das enge Tal kamen, überfiel mich die Angst, denn die steilen Berge beiderseits verloren sich in den tiefhängenden Wolken. Der Schnee, der hier gefallen war, wurde unter unseren Rädern gleich zu Matsch. Die nasse Kälte biß sich an meinen Zehen herauf, bis mir Frostschauer über den Rücken rannen. Meine Mutter schälte aus vielen Lagen Zeitungspapier eine Bierflasche, aus der sie für uns heißen Malzkaffee in ein Blechtüpferl goß. Noch heute fühle ich die wohlige Wärme, die wieder in meine Adern rann. So konnte ich mich ganz mit dem großen Erlebnis beschäftigen, als ich vor dem Bahnübergang beim Gfeller Bahnwärterhäusl zum ersten Mal einen Zug sah. Die Dampflokomotive kam gewaltig fauchend die Steigung von Karlsbad her und begann bereits von weitem zu pfeifen. Ächzend und dröhnend rollten die riesigen Zugräder, die aus meiner Leiterwagerlsicht besonders furchterregend wirkten, an uns vorbei. Noch lange schauten wir dem lärmenden Ungeheuer nach, und als wir schon auf der Staatsstraße im Tepltal waren, hörten wir es von Töppeles her pfeifen.
Dann muß ich wohl von all den Aufregungen ermüdet eingeschlafen sein, denn an die Fahrt durch das schöne Tal sind mir keine Bilder im Gedächtnis geblieben. Dafür sehe ich wieder die abschüssige Straße durch Aich vor mir und dann die Eger. Ich erschrak vor ihr, weil sie so viel breiter als die Flut und die Tepl war. Hier war überhaupt kein Schnee mehr, und auf der nassen Basaltsteinstraße ratterte unser Wagerl so ungewöhnlich hart, daß uns die Zähne klappernd aufeinander schlugen. Die Fahrt über den „Teischl", an der geheimnisvollen Eger entlang, zog sich endlos. Doch dann sahen wir plötzlich düster und groß die bizarre Eisenkonstruktion der Maierhöfener Brücke auf uns zukommen, und schreiend sprangen Heinrich und ich aus dem Leiterwägelchen, denn wir wollten keinesfalls darüber fahren. Erst als die Eltern uns gut zugeredet hatten, gingen wir wimmernd hinter unserem Wagerl her, wobei wir uns schutzsuchend an ihm festhielten. So kamen wir nach Maierhöfen und waren bald vor dem neuen, großen Miethaus, in dem wir von nun an leben sollten. Als uns die Mutter darin zum ersten Stock hochführte, wehte uns der Duft von Weihnachtsbäckerei, der aus den Ritzen fremder Türen gekrochen kam, entgegen. Ich war traurig, daß in allen Stuben der warme Schein der Vorweihnachtszeit eingekehrt sein sollte, während es in unserer Wohnung eisig war und nach Leim und Terpentin stank.
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