Die Vergangenheit überwinden
Zu einer Aussprache über die Situation in der Tschechoslowakei und die Bedingungen für einen demokratischen Sozialismus trafen sich vom 23. bis 26. Februar in Franken (Fichtelgebirge) tschechoslowakische Emigranten, die nach der kommunistischen Machtergreifung 1948 und nach dem Einmarsch von Truppen des Warschauer Pakts 1968 ihr Land verlassen mußten. Das Ergebnis dieser Aussprache ist in folgender Erklärung zusammengefaßt:
Dreißig Jahre nach der Errichtung der totalitären politischen Diktatur in der Tschechoslowakei kamen Menschen zusammen, die als politische Exulanten ihr Vaterland verlassen mußten. Es trafen sich diejenigen, welche die Diktatur der KPTsch im Jahre 1948 aus dem Vaterland verjagt hatte, und diejenigen, welche vor dreißig Jahren zum politischen Lager der damaligen Sieger gehört hatten und aus dem Vaterland erst durch die sowjetische Okkupation vom August 1968 und durch das anschließend eingesetzte Regime verjagt wurden.
Das Treffen war vom Bemühen aller Teilnehmer geleitet, die Jllusionen und Mythen über die Vergangenheit und die Gegenwart der Tschechoslowakei zu überwinden. Die Teilnehmer gingen von dem Bewußtsein aus, daß man die Vergangenheit nicht aus der Geschichte und nicht aus dem Leben der einzelnen löschen kann, und daß man die alten Irrtümer und Fehler sowie die alte Schuld rückwirkend nicht abzuändern vermag. Gleichzeitig jedoch gingen sie auch von der Überzeugung aus, daß die Vergangenheit keine unüberwindbare Last für die Zukunft darstellt. Beim Rückblick auf die Vergangenheit aber muß die Wahrheit siegen — wen auch immer sie treffen mag. Für die Zukunft dann darf der Wille nicht fehlen, begangene Fehler nicht mehr zu wiederholen.
Der Februar 1948 war die Niederlage der demokratischen und humanitären Ideale einschließlich der sozialistischen demokratischen Ideale. Es war der Sieg des totalitären Prinzips, das die Unteilbarkeit der Menschenrechte und der politischen Freiheiten leugnet: Es schließt nach und nach immer mehr Gruppen von Bürgern aus der Demokratie aus, stellt sie außerhalb der Gesetze und macht am Ende die ganze beherrschte Gesellschaft rechtlos.
Nach dem Jahre 1945 wurden in der Tschechoslowakei zuerst Millionen Bürger deutscher Nationalität außerhalb der Gesetze gestellt und das Prinzip der Vergeltung siegte über das Prinzip der Gerechtigkeit und des Rechts.
Nach dem Februar 1948 wurden diejenigen Bürger, in denen die Diktatur eine politische Opposition gegen den Kommunismus sah, außerhalb der Gesetze gestellt; in den nachfolgenden Jahren galt dies für alle, die kritisch gegenüber der herrschenden totalitären Macht auftraten — bis nach dem August 1968 schließlich zusammen mit den anderen Bürgern auch ein großer Teil der Kommunisten selbst betroffen war.
Das Prinzip des Ausschlusses derjenigen Gruppen von Bürgern, die der Diktatur unbequem sind, aus den politischen Freiheiten und Rechten ist auch weiterhin die grundlegende Stütze der totalitären Diktatur in der Tschechoslowakei und der völligen Unterordnung dieses Landes unter die sowjetische Oberherrschaft. Eine demokratische Perspektive und eine Perspektive der nationalen und staatlichen Souveränität ist ohne Überwindung dieses Prinzips unmöglich. Ausgangspunkt für die Zukunft kann darum nur die Anerkennung der Unteilbarkeit der Menschenrechte und der politischen Freiheiten für sämtliche Bürger sein, gleichgültig welchen Glauben, welche philosophische und politische Überzeugung sie haben.
Die „Charta 77" hat bewiesen, daß die Anhänger demokratischer und humanitärer Ideale in der Tschechoslowakei zu dieser Erkenntnis gelangt sind. Desgleichen sehen die im politischen Exil lebenden Anhänger dieser Ideale den weiteren Sinn ihrer Bestrebung für die Zukunft darin, die Unteilbarkeit der Menschenrechte und der politischen Freiheiten zum gemeinsam anerkannten Grundwert zu machen, ohne Unterschied von Glauben, von philosophischer und politischer Überzeugung.
Richard Belcredi, Alexander Heidler, Karel Kaplan, Antonin Kratochvil, Zdenek Mlynar, Anastaz Opasek, Ludek Pachman, Jaroslav Pechacek, Vilem Precan, Jaroslav Selucky, Karel Skalicky, Jiří Slama, Rudolf Ströbinger, Pavel Tigrid.
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