EINST und JETZT
Wenn ich in den langen Winternächten oft nicht schlafen kann, da wandern halt, ob ich will oder nicht, meine Gedanken heim in mein liebes Dörferl Leßnitz und mir fällt dann so manches ein, das Wert ist es niederzuschreiben.
Im Dorf hatten alle Äcker und Wiesen ihre Namen. So z. B. Hofacker oder Spitzacker usw. Wir hatten ein Feld, das hieß Hackerfeld. Ich war so 15 oder 16 Jahre, da trug ich meinem Vater, der auf diesem Feld ackerte, warmen Kaffee und Butterbrot zum Nachmittag hin, denn es war Herbst und schon ziemlich kalt. Wir setzten uns auf den Pflug und ich wartete, bis er gegessen hatte.
Da sagte ich: „Vater, wieso heißt dieses Feld Hackerfeld? Das ist doch eigentlich ein Familienname". Da antwortete er: „Ja, das will ich dir erklären, aber dazu habe ich jetzt nicht die Zeit; wenn es dich interessiert, so will ich dir das nach Feierabend erzählen". Ich war sehr wißbegierig und freute mich schon, deshalb half ich ihm bei der Arbeit.
Nun, als es soweit war, setzte ich mich zum Vater auf die Bank und er erzählte: „Weißt du, mein Kind, vor vielen Jahren als mein Großvater noch lebte, da gab es zwei kleinere Höfe im Dorf, der Schafferhof und der Hackerhof. Der Hackerhof kam eines Tages zum Verkauf, aus welchem Grund, das weiß ich nicht. Da entschloß sich der Großvater diesen Hof zu kaufen, weil dessen Grundstücke an seine eigenen grenzten. Er ging deshalb nach Gfell zu seinen Verwandten und holte sich dort Rat. Dieser hielt es für gut und bot ihm geldliche Hilfe an. Zufrieden kehrte Großvater zurück und kaufte den Hof.
Der Verwandte brachte ihm das fehlende Geld bis zum Gfeller Kreuz und übergab es dem Großvater ohne Zeugen, ohne Rechtsanwalt oder Notar, nur der Handschlag hatte Geltung. „Gibst mir im Jahr 20 Gulden als Zins, mehr will ich nicht; der Herrgott hier am Kreuz soll unser Zeuge sein". Dann trennten sie sich.
So nahm der Großvater in das Wohnhaus Mieter. Die Wiesen und Felder wurden von ihm mit bewirtschaftet. Aber nach einigen Jahren wurde es ihm doch zuviel, er behielt die angrenzenden Grundstücke für sich, die andern mit Haus und Scheuer wurden an den Schafferhof verkauft.
Großvater traf seinen Verwandten wieder beim Gfeller Kreuz und gab ihm das damals geliehene Geld zurück.
„So einfach war das in der guten alten Zeit. Was würde das heute kosten an Lauferei und Geld", sagte mein Vater, „und deshalb heißt es heute noch das Hackerfeld".
Damals, nach dem Gespräch mit meinem Vater, wäre es mir im Traum nicht eingefallen, daß wir einmal von dem Erbe unserer Vorfahren vertrieben werden. Als ich mich schließlich nach 20 Jahren aufraffte, um dies alles noch einmal zu sehen, war ich sehr enttäuscht.
Unsere Felder waren fast alle verschüttet, weil dort Uran gefunden wurde. Die „Louchwiese", wo drei muntere Quellen rieselten, und die uns beim Heuernten mit dem guten Wasser erfrischten; vom Hofacker bis zum Bergfeld, wo der Steinhaufen lag, ist alles eine Ebene mit toter Erde und Gestein. Man sieht nicht mehr die „Schofferlouch" und nicht mehr das „Hackerfeld" und mit Wehmut im Herzen fuhr ich wieder zurück.
Anna Kämpf
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