Wir müssen das Kreuz tragen, ehe es uns trägt!
Jerusalem birgt die Heiligtümer dreier Religionen: die Juden beten an der Klagemauer, den Fundamenten des alten Tempels. Auf dem früheren Tempelplatz steht der Felsendom der Mohammedaner. Am Ende der Via dolorosa erheben sich die Kuppeln der Grabeskirche, die heute mitten in der Stadt gelegen, die Stätte der Kreuzigung und den Ort des Grabes und der Auferstehung unter einem Dach vereinigt. Sicher beten in den kommenden Ostertagen an diesen Stätten viele in dem gleichen Anliegen: „Betet für den Frieden Jerusalems!" Möchte es doch Friede werden in dem Land, in dem „Gott gelebt hat".
Golgotha und Grabkapelle, an geschichtlich gesicherter Stelle, Ort der Kreuzigung und der Auferstehung so eng nebeneinander. Könnte es nicht als Zeichen gedeutet werden, daß Christi Tod und Auferstehung immer miteinander gesehen und geglaubt werden müssen. Vielleicht haben wir in unserer persönlichen Frömmigkeit beide allzusehr voneinander getrennt, bis eine erneuerte Liturgie bei jeder Eucharistiefeier uns beten und rufen läßt: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und Deine Auferstehung preisen wir, bis Du kommst in Herrlichkeit".
Zur christlichen Osterbotschaft gehört also das Kreuz an dem er für uns starb und dadurch Sündenvergebung, Gnade und neues Leben erwirkte. Deshalb sollten wir nicht nur gewohnheitsmäßig auf das Kreuz schauen, wenn es überhaupt noch den Ehrenplatz in den Häusern und Familien hat, sondern glaubend und vertrauend, wie wir einmal als Kinder gebetet haben: „Ich danke Dir, Herr Jesu Christ, daß Du für mich gestorben bist". Und in der Karfreitagsliturgie beten wir: „Dein Kreuz, o Herr, verehren wir und Deine Auferstehung rühmen wir, denn durch den Tod am Kreuz ist Freude gekommen in alle Welt!"
Und dies ist unser Osterglaube: Er ist auferstanden von den Toten oder Gott hat seinen gekreuzigten Sohn auferweckt. Darüber berichten die 4 Evangelisten, die Apostelgeschichte und der zeitlich älteste Auferstehungsbericht des Apostels Paulus (1 Kor. 15,3 ff): „Christus ist gemäß der Schrift für unsere Sünden gestorben. Er wurde begraben und ist der Schrift gemäß am dritten Tage auferstanden. Er ist dem Kephas erschienen, dann den Zwölfen, hierauf über 500 Brüdern, er ist dem Jakobus erschienen und darauf sämtlichen Aposteln und zuletzt auch mir." Nach dieser Begegnung mit dem Auferstandenen und seiner Bekehrung ist dies seine Botschaft: „Ich verkündige Euch Christus, den Gekreuzigten und Auferstandenen". So darf auch die Osterpredigt nichts anderes verkündigen als den österlichen Kontrast: vom Tod zum Leben, vom Karfreitag zum Ostertag, durch Leiden zur Herrlichkeit.
Unter diesem österlichen Kontrast wird auch das Ostern dieses Jahres stehen. Auch an Ostern werden Menschen die Stationen des Kreuzweges gehen und ihr Kreuz tragen müssen, aber sie können es tun in der Gewißheit, daß die 15. Station dieses Weges Ostern ist. Das Kreuz wird auch in diesem Jahr auf den Schultern unserer verfolgten Glaubensbrüder lasten. Die Kirche des Ostens geht seit Jahrzehnten den Kreuzweg unseres Herrn. Vielleicht wird aber dort das Osteralleluja gläubiger und froher gesungen als in der freien Welt. Wer in den Ostertagen an Gräbern steht soll wissen: Resurrecturi — Sie werden auferstehen. Und wenn bei Dir oder in Deiner Familie am Ostertag Karfreitag und Ostern unter dem gleichen Dache ist, dann halte Dich an den, der uns in seiner Auferstehung die Garantie gibt, daß sich für den Glaubenden jedes Leid in Freude, der Tod in Leben und der Karfreitag in Ostern wandelt. Freilich ein unbeirrbarer Osterglaube gehört dazu.
So darf ich schließen mit guten Wünschen für ein gnadenreiches Osterfest. Ich darf damit auch den Dank verbinden an die Redaktionen unserer Heimatblätter, die durch die Aufnahme meines österlichen Beitrages mir die Möglichkeit geben, in Erfüllung meiner Beauftragung durch die deutschen Bischöfe, ein weitgestreutes österliches Wort zu sagen. Ich lade Euch, liebe Landsleute, sehr herzlich ein zu den vielen Sonderwallfahrten für Heimatvertriebene, die schon bald nach Ostern wieder beginnen werden. Wir haben dafür das Leitwort des Weltfriedenstages 1978 gewählt: Nein zur Gewalt — Ja zum Frieden!
Gesegnete Ostern und ein frohes Alleluja!
Prälat Dr. Karl Reiß
Apostolischer Protonotar
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