Wer schon die Not und das Elend des 1. Weltkrieges durchstehen mußte, der hat sich nach keinem weiteren Krieg mehr gesehnt.
Oft erzählte meine Mutter vom Kriegsausbruch im August 1914 bis hin zu der Hungerzeit der Jahre 17 und 18. Wie das Amthaus gestürmt wurde, weil die Unzufriedenheit über die schlechte Versorgung nicht mehr zu beschwichtigen war. Als die Leiter brach, mit der man zum Lebensmittellager hinauf wollte — von unten bis oben mit Menschen besetzt. Als man gewaltsam in eine Bäckerei eindrang, Brot durch die zerbrochenen Scheiben nach draußen den Kindern, Frauen und den daheim verbliebenen Männern zuwarf.
Nur voll Traurigkeit sprach meine Mutter darüber, wie sie mit ihrer Mutter einen Sack voll vorzeitig abgeschnittener Ähren, am Ofen getrocknet, mit der Drischl in der Stube drosch, da längst alle Vorräte aufgezehrt waren.
Viel mehr wurde erzählt, als ich heute wiederzugeben vermag. Ach, hätte man damals nur Papier und Bleistift genommen! Zu weit schon wieder liegt diese Zeit zurück und auch dieser Krieg wird so zur Sage und Legende.
Mein Vater, der 4 Jahre im Krieg war, konnte aus einem schier unerschöpflichen Vorrat darüber erzählen, das leider nun bald vergessen sein wird! Heute sind mir nur noch die Städte und Stätten seiner Dienstzeit in Erinnerung: Eger, Prag, Wien, Wieselburg, Orsowa, Adah Kaleh; Donau, Piave, Isonzo; Konstanjevica und Zenson — Stätten des Todes für Freund und Feind. Belluno, Feltre, Triest — Monte Crappa, Monte Pertika, Spinuccia. Berge in Flammen, Wochen und Monate mit unzulänglicher Ausrüstung und nur notdürftiger Versorgung in eineinhalbtausend Meter Höhe in Eis und Schnee.
Ich schreibe über das, was ich von meinem Vater noch weiß in der Hoffnung, daß etwas bleibt — was diese Männer in diesen Bergen dort ertrugen. Daß etwas bleibt von der Traurigkeit für ein Land gekämpft zu haben, dem sie danach nicht mehr angehören durften. Und daß dennoch etwas bleibt vom Stolz dem tapferen k.u.k. Infanterieregiment Albrecht Herzog von Württemberg Nr. 73 angehört zu haben. Es muß heute möglich sein, den Gefallenen in Respekt und Ehrfurcht eine Zeile zu widmen.
Keine Ahnung vom Kommenden, müde und ausgemergelt erlebten sie in Eger am Bahnhof die Auflösung der Monarchie, während andere schon wieselflink dabei waren, das Neue zu installieren. Ich ging noch nicht zur Schule, da hörte ich schon von den Toten des 4. März 1919 in den sudetendeutschen Städten. Kinder spüren, was die Erwachsenen hinter ihren Worten bewegt und was sie verbergen.
Es war nicht die Sache des neuen Staates, der mit Unrecht begann, den Frontsoldaten große Beachtung zu schenken, Dank und Anerkennung zu sagen. Die Krüppel, die Ärmsten, die heimkamen, sah man an den Festen an den Straßenrändern sitzen, mit der offenen Mütze auf Almosen wartend; auf unförmigen Krücken humpelnd oder in elenden Karren von Frau oder Kindern geschoben, samt Leierkasten danach den Ort wieder verlassend. Die erlebte Kameradschaft an der Front, ließ sie auch daheim im Frontkämpferbund wieder zusammenstehen. Die Tschechen gewährten ihnen, als Zeichen der Zusammengehörigkeit, gnädig den lindgrünen Frontkämpferhut zu tragen. Wenn einer der ihren verstarb, traten sie noch einmal an, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Über den Friedhof klang das Lied vom „Guten Kameraden" und vom Glockenberg krachten 3 Böllerschüsse über die Stadt drunten, über den alten Markt und die Seifertsgrün. Manch einem lief es dabei kalt über den Buckel, und er spürte im Halse ein Drücken.
Beim Abmarsch am Heimweg freuten sie sich darüber, wie gut sie immer noch Schritt zu halten in der Lage waren. Wurde gar der Egerländer Marsch gespielt, dann richteten sie noch besser die Reihen aus, hoben die Brust und den Kopf und gaben dem Schwung und dem Optimismus dieses fast legendären Marsches unübersehbaren Ausdruck. Durch die Häuser, über die Straßen hinüber ging der Ruf: „Hurch! öitza spüln sie an Echalanda! Hurch öitza komma sa!"
Alles rannte aus den Gassen an die Plätze, wo vorbeimarschiert wurde und da begannen auch völlig Unmusikalische oft mit beiden Händen zu dirigieren. Uns Kinder hätte man damals nicht aufmerksam machen müssen, um zu wissen, wieviel den Egerländern dieser Marsch bedeutete.
Das Egerländer Infanterieregiment Nr. 73 ist nicht mehr, aber niemand hätte gedacht wie lebendig und zäh sich sein Marsch auch in unserer Zeit behauptet und uns immerwieder darauf hinweist, wo wir hergekommen sind.
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