Erinnerung an meine Kinder- und Jugendzeit
Geboren und aufgewachsen bin ich im alten „Steigerhäusl". Schon meine Großeltern hatten dort ihr Heim. Es war ein trauliches altes Haus. Obwohl äußerlich nicht sehr ansehnlich, barg es doch in seinem Innern eine Vertraulichkeit und Heimlichkeit. Kurz und gut, man fühlte sich daheim. Dieses traute Heim stand am Rande von Schlaggenwald und zwar an der Südgrenze zu Schönfeld, man nannte dieses Stückchen Schlaggenwald die „Hou" („Hub"). Zu diesem Stadtteil gehörten nicht sehr viele Gebäude. Das repräsentativste war das Annaheim, das später in Jahnheim umbenannt wurde. Zu den drei Gasthäusern, die diese kleine Ansiedlung schon hatte, kam noch ein viertes — eben das Jahnheim — hinzu.
Die „Hub" oder „Hou" wurde von der Staatsstraße, die von Elbogen über Schlaggenwald, Schönfeld nach Pilsen führte, durchschnitten. Zu beiden Seiten der Straße waren die wenigen Häuser angelegt, und durch diese Straße war unser Heimatstädtchen industriell sehr erschlossen. Da war die Porzellanfabrik Sommer und Matschak, danach die ehem. Goldspinnerei, in der eine Wagenfabrik untergebracht war. Nach dem ersten Weltkriege wurden hier hauptsächlich Zigeunerwagen gefertigt, die wir Buben auf unseren Schulwegen nach Fertigstellung bestaunen konnten; später war es eine Drexlerei und danach eine Strumpffabrik, die die Mauern beherbergten. Eine Knopffabrik war das dritte Gebäude. Dieser Betrieb hatte sich nicht halten können und so wurde daraus später eine Bäckerei. Aber auch dieser Gewerbezweig bestand nicht lange. In den frühen Zwanzigerjahren hatte sich auf der rechten Straßenseite — von der „Hub" in Richtung Schlaggenwald gesehen — die Familie Völkl (Völkl-Schuster) an dem steilen Hang ein Holzhäuschen errichtet. Wiederum auf der linken Seite in der gleichen Richtung war die Porzellanfabrik Grosse. Es hat dort etliche Jahre einige Arbeitsplätze gegeben. Dahinter stand dann das Gasthaus „Gustl Kolbs". Ein gemütliches Wirtshaus, in dem gerne nach einem Spaziergang eingekehrt wurde. Gleich daneben war dann das Jahnheim, zu dem von der Staatsstraße aus eine Allee hinführte. Unmittelbar an der Staatsstraße grüßte das „Steigerhäusl", an dem eine Gedenktafel angebracht war und das manchen Automobilisten dazu veranlaßte, es zu fotografieren. Die Tafel war zum Gedenken an einen gewissen Woitech aus Elbogen dort angebracht. Was es eigentlich mit diesem Mann für eine Bewandtnis hatte, ist mir nie erklärt worden. Vielleicht war er ein Dichter? Ging man den Weg von der Straße an dem „Steigerhäusl" vorbei, kam man in die „Pinge". Die „Pinge" oder das „Schützenhaus", wie es auch genannt wurde, ist ja allen Schlaggenwaldern gut bekannt. Oberhalb der „Pinge" lag der „Hubhof", der wieder ein gesonderter Ortsteil von Schlaggenwald war. Aber zur „Hou" gehörte noch der „Koppelhof"; er beherbergte damals drei Familien. Ging man die Straße in Richtung Schönfeld ein Stückchen weiter, kam man zur „Oberen Hou". Da stand gleich hinter der Bergmannsrast das Gasthaus des Wogner Waoltl — oder „Zur Gemütlichkeit". Beide Ortsteile, obwohl sie zu zwei verschiedenen Gemeinden gehörten — die „Obere Hou" war auf dem Schönfelder Kataster — lebten die Bewohner dieses Gebietes in Eintracht und Frieden. Auch wir Buben hatten uns gut verstanden, obwohl wir zwei verschiedene Schulen besuchten und doch Nachbarn waren. Die Hub dürfte ihre Bezeichnung von einem alten Maß herleiten. Wie groß dieses Maß ist, kann ich leider nicht angeben. Mit dem Bergbau, der dort noch bis zum Ende des ersten Weltkrieges sehr rege betrieben worden war, hat es bestimmt etwas zu tun gehabt.
Was mich eigentlich bewog einmal von diesem Fleckchen Erde zu berichten, sind meine Jugenderinnerungen. Dabei möchte ich ganz besonders mein und wohl auch aller dort einst seßhaften Bewohner empfundenes Freiheitsgefühl betonen. So frei wie auf der „Hou" dürfte kein junger Mensch aufgewachsen sein. Wenn man wollte, brauchte man mit niemanden in Berührung kommen. Mit keinem gab es jemals einen Streit. Ja es lebte das friedlichste Völkchen dort. Wir Kinder hatten in der schönen Jahreszeit — Frühling, Sommer und im schönen Herbst — die ganze Gegend unsicher machen können. Die schönen Obstgärten hatten uns oftmals sehr angezogen. Aber nie gab es einen Krawall, weil wir uns an fremden Früchten ergötzt haben. Auch die Fischlein in den Teichen verlockten dazu sie aus ihrem Element zu holen. Der lange Schulweg bot uns zu allen Jahreszeiten viel Abwechslung. Besonders der Flutbach, der ja unweit der Straße in seinem Bachbett dahinmurmelte, hatte es uns angetan. Da probierten wir so manches Mal unsere Sprungkunst aus. Öfters nahm einer ein unfreiwilliges Bad, weil er seine Kraft in den Beinen überschätzt hatte. Nun, wie bei allen Kindern, war auch da die Schadenfreude darüber
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