Beim Bauern ist es wesentlich anders. Dafür sprechen nicht nur jahrhundertealte Arbeiten in Feld und Flur, Deiche an offenen Gewässern und ungezählte Steinriegel in weiten Berglandschaften als Rodungszeugen usw. Kurz: Den weiten Weg bäuerlicher Hingebung bezeugen viele geprägte und beseelte dörfische Kulturbilder.
Hat das Prädikat „Bauernkultur" seine Richtigkeit, so dürfen wohl die Egerländer mit vollem Recht von ihrer ererbten und durch sie weitergebauten Heimatkultur sprechen, denn dem Wesen, dem Brauchgut, aber auch dem Glauben nach war das Egerland im besten Sinne ein ursprüngliches und jahrhundertealtes Bauernland.
Im Zuge der Heimatvertreibung wurde bestimmt der Bauernstand am schwersten betroffen. Aber weniger, was den nackten Existenzkampf berührte. In dieser Hinsicht wütete diese bitterharte Schicksalsfügung nach allen Seiten gleichermaßen. Den Landmenschen traf dieses grausame Geschehen aber deshalb besonders schwer, weil er nicht nur aus seinem Berufsbereich, sondern aus seiner Welt mit ihrem elementaren klimatischen, geologischen und geographischen Bindungen gestoßen wurde. Dadurch kommt auch beim Bauern die Vertreibung nicht nur einer Verpflanzung, sondern vielmehr einer Abtötung seiner Herz- und Saugwurzeln gleich. Das merkte ich sehr wohl bei meiner 88jährigen Mutter. Sie lebte ihr Vertriebenendasein gedanklich im Arbeitsgang des Jahreslaufes, im Wandel der Gestirne, in der Betreuung des Hausgetiers. Die anfallenden Arbeiten, die ihr fehlten, verrichtete sie im Geiste. Zu den Zeiten der gewohnten Arbeiten, wie Federnschleißen, Pflanzenstecken, Heuwenden usw. usf. — da brach es förmlich in ihr auf wie ein Schößling aus einem veredelten Wildapfelbaum. Dem wissenschaftlichen Worte nach: Ihre metaphysische Substanz wurde transparent.
So gesehen ist es verständlich, daß der Erntedanktag auch noch nach einer Generation des Bodenraubes viele Entwurzelte weit mehr berührt als so manchen wohlfundierten Agrarier. Von den anderen Volksschichten natürlich schon gar nicht zu reden.
Jedenfalls welken die Erntedankbräuche im allgemeinen Brauchgutsterben besonders rasant dahin. Das gilt selbst für stark religiös betonte Erntedankbräuche. Um die sozialen und sittlichen Brauchtumswerte, die sich ja keiner Patronatsherren und kirchlicher Pflegestätten erfreuen, steht es besonders schlecht. Wobei doch gerade die gesellschaftlichen Werte einstmals im Erntedankbrauchtum stark ausgeprägt waren.
Schließlich soll aber doch auch nicht verschwiegen sein, daß der Brauchtumsverfall weithin bereits vor Jahrzehnten einsetzte. Im Egerland trat an die Stelle der sinnvollen „Sichellege" (das Wort Erntedank kennt unsere Mundart nicht) die mitunter recht ungezügelte „Kirwa". Und von dem Erntemahle, wie es der früh heimgegangene L. H. Ch. Hölty in seinem Erntelied (1773) in schönster Weise besang, war selbst in unserer Kindheit nur noch ein spärlicher Abglanz bemerkbar.
Wie immer es aber auch sein mag:
Unsere Herzen möge am Erntedanktag für Brot und Frucht und Traube ein edler Dank erfüllen und bestärken.
Otto Zerlik
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