Liebe Landsleute!
Nur noch eine kurze Zeitspanne und wieder haben wir ein Jahr durchlebt. Es lohnt sich vielleicht ein bißchen Rückschau zu halten. Es war das 28. Jahr nach der Vertreibung aus der Heimat und noch immer ist bei uns Schlaggenwaldern und den Landsleuten des dazugehörigen Kirchsprengels die Liebe zu unserem alten einstigen Wohnsitz lebendig. Der Heimatbrief hat bisher die Bindung nicht einfrieren lassen.
Ich möchte hier an dieser Stelle allen Beziehern des Heimatbriefes für ihre Treue zum Bezug dieses Blättchens Anerkennung und Dank aussprechen. Ohne den pünktlich zu leistenden Bezugspreis und den Spenden wäre es nicht möglich, diese uns alle noch verbindende Schrift herauszubringen. Das Sterben der Heimatbriefe hat schon lange eingesetzt. Nur noch ganz wenige größere Orte — und da bin ich besonders stolz darauf, daß wir Schlaggenwalder und unsere treuen Dorfbewohner von einst dazu gehören — waren bisher noch in der Lage einen HB herauszugeben. Es ist deprimierend, wenn mir die Nachricht zugeht: „Bitte kein Austauschexemplar mehr zuschikken. Der HB unserer alten Heimat kann nicht mehr herausgegeben werden, weil die Unkosten nicht mehr gedeckt werden konnten." Als Einstellgrund werden immer die nichtentrichteten Bezugsgebühren angegeben. Fast die Hälfte der Bezieher haben den HB nicht bezahlt! So mußte auch unsere einstige Kreisstadt Elbogen den HB aufgeben. Man sollte es nicht für möglich halten, daß so ein großer Ort mit bestimmt gut situierten Bürgern auf seine heimatliche Nachrichten verzichtet, weil sie einfach die Druckkosten nicht aufbringen. So langsam lösen sich jetzt die Bindungen der Heimatvertriebenen zueinander. Der Zweck der Vertreibung ist bald erfüllt. Die Vertreiber reiben sich die Hände.
Nun, ich selbst frage mich manchmal, wie oft wird es mir noch möglich sein, den Gruß unserer Landsleute aus der verlassenen Heimat weitergeben zu können. Dabei mögen nicht einmal die finanziellen Belange den Ausschlag geben, denn aus den Spenden und den pünktlichen Bezugsgebühren bin ich in der Lage, den HB drucken zu lassen und zu verschicken. Wir haben zur Zeit gute Förderer unserer Sache. Aber es fehlt an schriftlichen Gedankengut. Langsam versiegen die Quellen, die uns das lebendig machen, was uns die Heimat an Schönem erleben ließ. Wir alle sind uns wohl bewußt, daß es für uns keine Rückkehr mehr gibt. Wenn auch diese Wahrheit schmerzt. Aber es bleibt nun einmal die verlassene Gegend in unseren Herzen lebendig. Wir brauchen uns unserer Trauer um das Verlassene — ich möchte hier an dieser Stelle den rechten Ausdruck nicht verwenden — nicht zu schämen. Aber geraubtes Gut hat noch nie jemand glücklich gemacht. Unser einstiges Nachbarvolk gibt uns den besten Anschauungsunterricht dafür.
Bei gründlichem Nachdenken und Prüfen, könnte man feststellen, oder die Frage aufwerfen: Wen hat das Schicksal härter gestraft? Die Beraubten oder die Räuber? Raub war es in jedem Falle. Ganz gleich unter welchem Motto diese Schändlichkeit vollzogen wurde. Oder hat jemand unter uns für sein Haben und Gut vertragliche Garantien bekommen? Es lag kein Segen auf diesen Handlungen. Man mag zu seinem Herrgott stehen wie man will, wer tapfer sein Geschick in die Hand nahm und in den schweren Notzeiten — wie Christus sein Kreuz auf sich genommen hat — dem war auch das Überwinden dieser Drangsal mit Gotteshilfe möglich gewesen. Wenn man durch die Lande reist, und das tun gar viele von uns, dabei die alten Freunde und Bekannten aufsucht, da wird es sichtbar, welcher großartigen Leistungen sie fähig waren. Ein jeder kann auf mehr oder bescheidenen Wohlstand stolz sein, den er sich geschaffen hat. Es haben alle Landsleute mit nichts anfangen müssen. In den mitgebrachten Säcken und Kisten war nur das Allernotwendigste drinnen, denn vor dem Abschub wurde gründlich gefilzt und so mancher Mutter wurde der Anzug weggenommen, den sie hoffte, ihrem noch vermißten Sohne mitbringen zu können. Das Mitgebrachte reichte kaum aus, das Existieren möglich zu machen. Aber dafür waren der Kopf klar und die Hände regsam.
Wir im Egerland, ganz besonders an der Grenze des Kaiserwaldes Lebenden, waren von jeher nicht mit materiellen Gütern gesegnet gewesen. Die Natur hat uns alles abverlangt und deshalb nicht verwöhnt und so hat mancher seinen Geist und seine
věta pokračuje na dalším listu ⟶
Rozdělení textu na listy je odhad — text může o odstavec přetéct na sousední list. Původní znění vlevo je vždy přesné.
Klikni na větu a ukáže se, kde na skenu stojí. Zvýrazňují se celé řádky, ne přesná slova — místo je tedy přibližné.
