Die Buonweiba von Schlaggenwald
Wieder einmal überkam mich die Bangigkeit nach der verlassenen Heimat. Wer denkt nicht an seine Jugendzeit, auch wenn diese noch so weit zurückliegt, und an die damals so vertraute Umgebung mit dem vielfältigen Leben.
So nahm ich mir den Heimatbrief zum wiederholten Male vor; denn aus diesem kann man immer wieder neue Impulse schöpfen, ist doch so manche Schilderung so lebensnahe. Da schaut mir die Überschrift „Die Botenfrau" ganz vertraut entgegen. Obwohl ich dieses Geschichtchen schon mehrmals gelesen habe und es fast auswendig kannte, nahm ich mir nochmals Wort für Wort vor. Da sah ich nun die Frauen — ich kannte drei von ihnen; denn sie gingen alle am Hegerhaus Frech auf der Haide vorbei, wo ich bei meinen Großeltern aufgewachsen bin. So manchen Wortfetzen hat mir der Wind zugetragen, wenn sie mit ihren Lasten vorübergingen.
Da ich schon zeitig in der Früh aus den Federn mußte, denn mein Schulweg vom Hegerhaus — so manche Waldfrau, die das Brennholz auf dem Rücken von dem Haidwald in die Stadt trug, wird sich an diesen Weg erinnern — war für mich als Kind besonders weit und lange. So habe ich auch die Frauen an zwei Wochentagen mit ihren schneeweißen Körben am frühen Morgen vorübergehen sehen und manche am Abend bepackt bei uns im Hegerhaus zurückzukehren erlebt. Meine Großmutter hatte auch öfter den Wunsch, sich einiges aus der Stadt Karlsbad besorgen zu lassen. Besonders erinnere ich mich an eine ganz bestimmte Teesorte, die in buntem Papier verpackt war, und das Aussehen hatte wie der „Frank Zichorie".
Zu welchem Zweck dieser Tee verwendet wurde und welche Heilkraft ihm innegewohnt hat, habe ich leider nie herausgefunden und von der Großmutter nicht erfahren können.
An eine Botenfrau erinnere ich mich ganz besonders. Es war Frau Bräutigam. Ihre Wohnstatt muß in der „Seifertsgrün" gewesen sein. Die Botenfrau kam nicht nur bepackt von Karlsbad, sondern sie ging auch hochbepackt am Hegerhaus vorbei nach Karlsbad. Hochaufgeschichtet lugten da Blumen und Pflanzen aller Art unter dem bunten über den Buckelkorb gebundenen Tuch hervor. Frau Bräutigam mußte sehr viele Heilpflanzen gekannt haben. Schon zeitig im Frühling sammelte sie alles Blühende, was die Natur hervorbrachte. Vom Veilchen über das Palmkätzchen, Schlüsselblumen bis hin im Herbst zu Heidekraut — Erika genannt — alle Beerenarten, Pilze, Ochsenzungen und Feldsalat. Wie schon gesagt, es gab nichts, was diese Frau nicht kannte und für bestimmte Kunden zusammentrug. Sie hatte einen ganz bestimmten Kundenkreis und Abnehmer dieser Naturerzeugnisse. Das habe ich aus den Plaudereien zwischen ihr und meinen Großeltern herausgefunden. Selten hat sie es versäumt, im Hof eine kleine Rast zu halten und sich an dem frischen Wasser der Hofpumpe zu erfrischen, um das letzte Stück Weg mit neuen Kräften unter die Füße nehmen zu können. So wie heute, daß man einen Durstigen mit einem besser labenden Getränk bewirten konnte, als mit frischem Wasser, gab es damals wohl nirgendwo. Wenn es ganz hoch herging gabs ein „Maal" voll (Mund voll) kalten, selbst gerösteten Kornkaffee, wenn ein solcher noch übrig geblieben war.
So ging diese Frau Bräutigam jahraus und jahrein mit ihren Lasten den Weg. Zu jeder Jahreszeit war sie auf den Beinen. Wer von den älteren Schlaggenwaldern kennt nicht diesen langen beschwerlichen Weg von der Stadt über die Haid, den Doffler Berg hinab zum Wildpark, über St. Leonhard und dem Echo nach Karlsbad.
Man stelle sich heute einmal vor, was diese Frauen geleistet haben.
Wenn man Karlsbad erreicht hat, war man entweder am Klein-Versail und mußte über die Dr.-Knoll-Str. zum Zentralbahnhof oder über den Schloßberg direkt ins Zentrum
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