Bertha v. Suttner
Das Menschengeschlecht ist eine Gemeinschaft, auch wenn noch so große Unterschiede und Graduierungen bestehen mögen. Und jeder einzelne dieser Gemeinschaft hat die Möglichkeit für diese Gesamtheit etwas Besonderes, etwas Großes zu leisten und sich damit unvergängliche Verdienste zu erwerben. Die meisten Menschen sind allerdings nur Nutznießer der Erkenntnisse anderer oder ihrer Vorgänger.
Der Bestand unserer gegenwärtigen Kultur und Zivilisation kann als weitgespannte Fläche gesehen werden. An ihrer Peripherie versuchen Forscher, Erfinder, Künstler und Philosophen die Grenzen vorzuschieben. Nur an wenigen Stellen und nur um ein Weniges gelingt das diesen begnadeten Pionieren. Mit Recht zählen wir diese dann zu den Großen der Menschheit.
Bertha v. Suttner ist eine von diesen Vorkämpferinnen der Zivilisation. Ihr Name ist ewig verbunden mit den Bemühungen um die Erhaltung des Friedens und der Verständigung der Völker, ihr Name ist verbunden mit jenen Bewegungen, die die Geißel der Menschheit, den Krieg zu verhindern und zu bekämpfen trachten. Der Traum vom ewigen Frieden ist so alt wie die Menschheit selbst. Er ist bis heute nicht Wirklichkeit geworden. Wird er es je werden? Immerhin wird heute auf weit höherer Ebene um ihn gerungen, als es zur Zeit der Baronin v. Suttner geschah und immerhin haben wir Institutionen, von denen sie und ihre Freunde nur träumten.
Bertha v. Suttner stammt aus einem Raum, der seit alters voll Spannungen und ein Herd voll Unruhen und bereitliegendem Explosivstoff war. Dieser Raum ist der böhmisch-mährische. Ihre Geburtsstadt ist Prag, die ihrer Kindheit Brünn. Es ist deshalb verständlich, daß aus diesem unruhigen Sudetenraum auch verschiedene Impulse ausgingen, die versöhnend wirkten und den Frieden zu verewigen suchten.
Die Böhmischen Brüder, die aus dem radikalen Teil der Hussiten hervorgegangen sind, haben diese Sehnsucht in ihrer Lehre am deutlichsten verwirklicht. Als Herrnhuter wirkten sie sogar in Hessen bei Büdingen unter ihrem Graf Zinzendorf in vorbildlichem Fleiß, in Armut, Friedfertigkeit und Duldsamkeit.
Bertha v. Suttner wurde am 9. Juni 1843 als Tochter des Feldmarschalleutnants Franz Josef Graf Kinsky v. Chinic und Tettau in Prag geboren.
Am 4. Weltfriedenskongreß in Bern 1892 stellt die Baronin als Vertreterin Österreichs mit zwei gleichgesinnten Freunden einen Antrag, der uns heute von höchster Aktualität erscheint. Die Friedensbewegung sollte ihr Streben auf die Bildung eines Europäischen Staatenbundes richten, der in der Zukunft in ein Vereintes Europa übergehen könne. Damit würde dem Verhältnis der Rechtslosigkeit unter den Staaten ein Ende gemacht, Streitigkeiten könnten vor diesem höheren Forum geschlichtet werden und die wahnsinnigen Ausgaben für Rüstungen könnten wegfallen.
Dieser Antrag ist vor genau 70 Jahren gestellt worden! Heute sehen wir die Morgenröte eines Vereinigten Europas bereits vor uns. Die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, die dabei ist, die früher abseits gestandenen 7 Staaten in sich aufzunehmen, wird die Vorstufe dazu sein, wie es einst der Deutsche Zollverein für die deutsche Einheit war. Und ob wir nach de Gaulles Wünschen ein Europa der Vaterländer oder ein Vaterland Europa konstruieren werden, das ist nicht so wichtig.
Und wenn wir hören, daß man einen dauernden Völkerkongreß anstrebte, so brauchen wir uns dieses Wort nur in uns geläufige Vokabeln übersetzen, um zu erkennen, wie realistisch Bertha v. Suttner und ihre Freunde dachten. Was ist denn Völkerbund und Vereinte Nationen anders als ein solcher dauernder Kongreß?!
Eine Begegnung auf diesem Berner Friedenstag wurde für die Welt von größter Bedeutung. Alfred Nobel war damals gerade auf seinem Sommerhaus in Zürich.
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