Sagen der Heimat: Das Schloß auf dem Krudum
Gesammelt von Johann Hahn
Sagen der Heimat
Das Schloß auf dem Krudum
Auf dem Rücken des Krudums, dort wo vor wenigen Jahren noch die Lärmstange aufgestellt war, stand in uralten Zeiten ein mächtiges Schloß, welches vom König einem tapferen Grafen geschenkt worden war. Dieser hatte einen einzigen Sohn, dem er Geld und Gut einstens zu hinterlassen gedachte. Aber der Himmel hatte es anders beschlossen. Denn der junge Graf kam mit dem Sohne des Falkenauer Grafen in einen Streit, in welchem letzterer vom jungen Krudumgrafen erschlagen wurde.
Die Tat zu sühnen, zog der Mörder als Pilgrim nach Rom und entlastete dort an heiliger Stätte seine Seele von der großen Schuld. Leichteren Herzens, als er gekommen, verließ er die ewige Stadt und war auf dem Rückwege ohne sonderliche Abenteuer bis Plan gekommen. Als er aber durch einen großen Wald zog, stieß er auf eine Räuberbande, welche ein laut jammerndes Mädchen mit sich schleppte. Der junge Graf besann sich nicht lange und hieb mit seinen Knappen so wacker in die Strolche, daß die einen entflohen, die anderen aber als Tote oder Verwundete den Kampfplatz bedeckten. Dann fragte er, dachdem er die Gefangene von ihren Fesseln befreit: „Wer seid ihr, damit ich euch in eure Heimat bringe?" „Ich bin die Tochter des Falkenauer Grafen," anwortete die Jungfrau.
Es war ein seltsames Spiel des Schicksals, daß der junge Ritter die Tochter des Mannes, dem er so viel Leid zugefügt, aus Räuberhand befreit hatte. Und da er zu bemerken glaubte, daß sie ihn erkannt, sprach er, um seine Bewegung zu verbergen: „Geraume Zeit bin ich der Heimat fern gewesen, da mag sich vielerlei ereignet haben. Sagt an, wenn ihr davon Kunde habet, wie es meinem Vater ergeht!"
„Böse Nachricht erwartet euch", versetzte die Jungfrau. Und obwohl nun der Graf mit Fragen in sie drang, gab es keine weitere Auskunft. Der Ritter begleitete das Fräulein bis Falkenau, dort nahm er raschen Abschied und eilte seinem heimatlichen Berge zu. „Wo ist mein Vater?", war die erste Frage, die er voll düsterer Ahnung an seine Diener richtete. Aber diese standen mit gesenktem Haupte da und schwiegen. Endlich trat der greise Kastellan vor und sprach: „Herr, achtmal ist bereits die Sonne die Berge emporgestiegen, seitdem wir euren Vater in der Gruft der Kirche beigesetzt." Aufs tiefste erschüttert konnte der junge Graf lange nicht zu Worte kommen. Dann war seine nächste Frage danach, was seinem rüstigen Vater so schnell dahingerafft. Aber weder der Burgverwalter, noch die Diener gaben ihm eine befriedigende Auskunft und verlangte in die Gruft geführt zu werden. Man wollte ihn nicht in die Kirche treten lassen, und da man hier den Deckel des silbernen Sarges hob, war der Leichnam über und über schwarz, denn der Graf war weder in einer Fehde gefallen, noch von einer Krankheit dahingerafft worden, sondern man hatte durch Gift seinem Leben ein Ende gemacht. Da brach des jungen Grafen Lebenskraft zusammen. Er wollte nicht mehr auf einer Stätte weilen, wo er soviel Leid erfahren. Er ließ alles Gold und Silber und Geschmeide in den weiten Keller des Schlosses unterbringen, dann ließ er ein Gastmahl richten, und als alle vom Weine trunken waren, sperrte der Graf die Tore ab und steckte das Schloß in Brand. Aber nicht nur dieses, auch die umliegenden Waldungen, sowie das benachbarte Dorf fielen den Flammen zum Opfer. Das letztere war zu einer Wüstenei geworden und führte, selbst als es wieder aufgebaut worden war, noch den Namen „Wüstling". Der Graf aber war für immer verschwunden.
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