Schlaggenwälder Heimatbrief — Folge 120
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Panika na Dickl Hau

Panik am Dickl Hau
Panik am Dickl Hau

von Heinrich Hess, Gfell-Diendorf

Ein auffälliger Charakterzug der Gfeller Buben war zu unserer Zeit die gutfundierte Kameradschaft. Mag sein, daß man sich anderswo um die Geisen puffte und stieß; in Gfell war dies meines Wissens nie der Fall. Das soll jedoch nicht heißen, daß es in unserer „Herde" stets friedlich zuging. Nein, auch hier gab es einige rauflustige Böcke und der Liebreich mußte einst vor dem Zugriff eines Prüglers bis nach Stirn flüchten. Wer ihn deshalb einen Schlappschwanz schimpfen wollte, der sei nachstehend eines besseren belehrt.

An einem sonnigen Frühlingstag kreuzte der Liebreich mit einem sackartigen Bündel am Dorfplatz auf und bettelte solange um unsere Begleitung, bis wir — den Herdentrieb folgend — zusagten. Er selbst war ein geselliger Mensch und eine Absage konnte man ihn nicht gut erteilen, weil er ein Pony besaß, das der ganzen Clique als Reitpferd diente. Im besagten Bündel hatte er das Essen für den Soml Honnes, der am Dickl Hau für Liebreichs Eltern Stöcke rodete. Der Verdacht lag nahe, daß der Liebreich deshalb die Zunft mobilisierte, weil er sich im finstren Wald fürchtete.

So kletterten wir in Liebreichs „Kiel" den unteren Anleithenhang hoch. Fast hatten wir das Ziel erreicht, als knapp vor uns — jedoch von Büschen verdeckt — „die wilde Jagd" losbrach. Ein Toben, Rollen, Bellen und Keuchen mit unartikulierten Lauten vermischt, war zu vernehmen. Unverkennbar konnte man den Hufschlag galoppierender Pferde hören. Die Mannen um Liebreich erblaßten, und als einer zur Flucht ansetzte, war die ganze Garde — trotz Liebreichs Flehen — nicht mehr zu halten. Allein und verlassen stand er im dunklen Tann und wußte nicht, was er machen sollte. Schließlich siegte das Verantwortungsbewußtsein über seine Angst.

Außerhalb der Gefahrenzone sammelten sich die geflüchteten Gardisten und berieten, wie man es Liebreichs Eltern schonend beibringen könne, daß sie ihren Sohn verloren haben. Für uns stand es nämlich fest, daß der Liebreich entweder vom wilden Jäger um die Ecke gebracht oder von einem menschenfressenden Waldschrat verzwickt wurde. Im Verlauf des Palavers erreichte uns noch eine weitere Hiobspost. Der Lehrer Karl, welcher gerade — als das Rennen begann — mit umgekrempelter Hose in den „Fichten" hockte, wollte gesehen haben, wie sich ein wüster Unmensch auf Liebreich stürzte und ihm das Bündel mit dem Essen entriß.

Wie es bei Kindern nun einmal ist, im Laufe des Nachmittags hatten wir Liebreichs Mißgeschick schon vergessen. Als wir uns jedoch am Abend zum Spiel am Dorfplatz einfanden, staunten wir nicht schlecht, als unser Liebreich frisch und munter mit bei der Partie war. Nachträglich war er noch nie in seinem Leben. Doch diesmal konnte er einen ironischen Unterton in seiner Schilderung nicht unterdrücken. Den ganzen Geisterspuk hatte Dickls Hofhund „Türk" ausgelöst, der sich in Gesellschaft des Soml Honnes am wohlsten fühlte. Ein gerodeter Stock war am Steilhang ins Rollen gekommen, der große Köter wollte ihn bremsen, er verbiß sich knurrend und schnaubend in eine Wurzel, wobei er vom Stock mitgeschleift und überrollt wurde.

Vom schlechten Gewissen belastet, trauten sich die Rabauzen dem Held des Tages kaum in die Augen zu schauen. Er, dem man Heldenmut am wenigsten zugetraut hätte, hat in einer gefahrvollen Situation die Nerven behalten. — Bei Vertriebenentreffen bringt Freund Liebreich stets auch diese Begebenheit zur Sprache. Ob es der biedere Ökonom schon gemerkt hat, daß mir dabei stets die Schamröte ins Gesicht schießt? Ich war ja auch einer von den Hasenfüßen, die ihn in der Stunde der größten Not im Stiche ließen.

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