Schlaggenwald, die tschechischen KZs und die Frage der Verjährung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit
Schlaggenwald, die tschechischen KZs und die Frage der Verjährung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit
Von Toni Herget
Die UNO-Vollversammlung hat kürzlich mit Mehrheit (58 Ja-, 7 Nein-Stimmen bei 36 Enthaltungen) die Konvention über die Nichtverjährbarkeit von Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Verbrechen der Rassendiskriminierung sowie von Völkermord beschlossen. Das kommunistische Polen, eifrig unterstützt von allen anderen kommunistischen Staaten, hat diese Angelegenheit aus politischen Gründen forsch vorangetrieben, um dabei vor allem die Bundesrepublik Deutschland in die Zange zu bekommen, wo eine Klärung in bezug auf die Verjährung von Kriegsverbrechen im Bundestag ansteht.
Die kommunistischen Staaten ließen sich dabei von den Erfahrungen und der Praxis der Nachkriegszeit leiten: Verbrecher waren ausschließlich die Deutschen. Man appellierte an ihr moralisches Gefühl, dachte aber an ihr Portemonaie oder an politischen Druck. Es ist richtig, daß Menschen vor Gericht gestellt werden, die sich gegen die Menschlichkeit vergangen haben. Doch haben auf diesem weiten Feld wirklich nur Deutsche gefehlt? Gab es kein Dresden, kein Katyn, kein Hiroschima, keine Millionentoten bei der Vertreibung, um nur einige Ereignisse zu nennen, die auch der Welt nicht ganz unbekannt sein dürften? Der kommunistische Osten rechnet fest damit, daß aus den verschiedensten Komplexen der Deutschen auch weiterhin unerhebliche Vorteile zu ziehen sein werden. Dabei geht man davon aus, daß zwar die Deutschen als Soldaten recht tapfer waren, als zivile Bürger sich aber kaum durch Zivilcourage auszeichneten, weil zu lange nur der soldatische Mut im Ansehen stand. Propagandistische Dauerberieselung und politischer Druck haben zudem in der BRD bewirkt, daß man die Schein-Realitäten, die durch den zweiten Weltkrieg geschaffen wurden, vielfach anerkennen will.
Man rechnet damit, daß sich die Deutschen vor lauter Komplexen und der notorischen Geschichtsunkenntnis ihrer besten Trümpfe begeben werden, bevor noch die Verhandlungen für einen künftigen Frieden beginnen. Bei der antideutschen Verhaltungsweise sonst normaler Menschen wird dieser Faktor seit langem vom kommunistischen Osten in Rechnung gestellt. Die Gefälligkeitspolitik weiter politischer Kreise in der BRD, die ihresgleichen in der Welt sucht, buhlt ja seit langem um die Gunst der östlichen Diktatoren und stellt unter Beweis, daß ein guter Kaufmann noch lange kein guter Politiker sein muß.
Der Kampf um das Warschauer Getto oder die Angelegenheit der Vernichtung des böhmischen Dorfes Lidice haben eine Weltkampagne zustandegebracht. Was haben aber die Deutschen aus dem Riesenverbrechen der Vertreibung und dem Riesenlandraub zu machen verstanden? Was weiß überhaupt das eigene deutsche Volk, was sich an Tragödien 1944/46 im deutschen Osten abgespielt haben? Was weiß darüber die Welt? Und wessen Schuld ist es, daß im Jahre 1969 weder das eigene Volk noch die Welt darüber Bescheid wissen? Wir müssen uns selbst an die Brust klopfen und müssen uns selbst anklagen, statt zu lamentieren, wie ungerecht die Welt sei. Recht ist nicht von selbst Recht. Dem Recht muß Nachdruck verliehen werden! Aufklärung und Propaganda müssen verstanden sein. Die Tschechen haben aus dem Dorf Lidice einen propagandistischen Weltschlager zu machen verstanden, wobei die rund 200 bedauernswerten Opfer an politischer Bedeutung die rund 240 000 sudetendeutschen Opfer der Vertreibung — nach dem Kriege — weit überragten. Wie will unser Volk, wie die Welt deutsche Interessen vertreten, wenn man das, was die Deutschen vorzubringen hätten, so miserabel schlecht vertritt? Die Schuld beginnt bei jedem Einzelnen von uns, trifft das ganze deutsche Volk, die Landsmannschaften wie die Bundesregierung. Aus dieser Unfähigkeit oder dem Nichtwollen wird aber anderswo politische Münze geschlagen und die Rechnung haben wir selbst zu bezahlen.
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