Schlaggenwälder Heimatbrief — Folge 94
/ 32
česky německy obojí klasické zobrazení →
Sken listu 19
Melodie v noci

Melodien in der Nacht

Von Heinrich Heß, Gfell-Diendorf

Laute in der Nacht sind für gewöhnlich nicht sehr hübsch. Man denke an den Balzruf des Uhus, die Serenaden des Katers oder das Gröhlen bezechter Burschen. Und doch ist es gerade die Nacht, welche die Seele für schöne Laute besonders empfänglich macht. Eine aus der Ferne belauschte Musik — und sei es auch nur ein simples Mundharmonikaspiel — kann selbst bei einem roh veranlagten Burschen Gefühle wecken, die man bestenfalls einem verträumten Jüngling zugemutet hätte.

An einem lauen Sommerabend saß ich wegen eines sagenhaften Grenzbockes im Rudesbühl und lauschte — die Waffe auf den Knien liegend — der Stimme der Nacht. Das Büchsenlicht war schon lange geschwunden, längst hatte die Meise ihren letzten Piepser getan und das Köpfchen unter den Flügel gesteckt. Ich saß noch immer wie angegossen. Weshalb? Ja nun, ich lauschte einem wunderschönen Gesang. Erst waren es zusammenhanglose Fetzen eines zaghaft gesungenen Liedes. Dann formte es sich zu einem vielstimmigen Männerchor, bald anschwellend, bald verklingend, hallte Lied um Lied zu meinem einsamen Lauscherposten herauf. Zum Schluß rauschte es wie Donnerrollen durchs stille Tepltal: „Wenn zwei vom Herzen lieb sich haben, die trennt im Leben die Welt nicht mehr". Ich bekam alle Achtung vor dem Können der Töppeleser Burschen. Als der Gesang zu Ende war, schlich ich in wehmutsvoller Stimmung heimwärts. Es hat schon etwas auf sich, wenn ein Lehrer in die Speichen des kulturellen Lebens am Dorfe greift, um den Karren aus der Eintönigkeit des sturen Alltags zu bringen. Herr Oberlehrer Habl verstand es in diesem Sinne vorzüglich, die Freizeit der reiferen Jugend von Töppeles zu gestalten.

Ein weiteres, schönes Erlebnis hatte ich einige Jahre vorher. Ich badete spät am Abend im Mühlwehr, als von der Kaiserstraße her das Klippklapp eines Droschkengaules vernehmbar wurde. Das Tepltal war zu jener Zeit noch wenig vom Heulen der Motorfahrzeuge geschändet. Plötzlich hallte aus dem Gefährt ein glockenreiner Frauengesang zu mir herüber. Es mußte eine Arie aus irgendwelcher Oper gewesen sein, die die Künstlerin als Zeichen ihrer Lebenslust in die Nacht hinausjubelte. Die Melodie brach sich an einer Nebelwand und überkreuzte sich im Echo. In einem hellen, ebenso glockenreinen Lachen erstarb der letzte Laut. Ein gefühlloser Begleiter mochte die Andacht der Sängerin mit einer taktlosen Bemerkung gestört haben. — Von Kunst verstand ich zu jener Zeit nicht viel und vor abstrakter Kunst bekomme ich heute noch Brechreiz; doch damals hatte ich einen Blick in die Höhen der wahren Kunst erhascht.

list 19 z 32
Rozdělení textu na listy je odhad — text může o odstavec přetéct na sousední list. Původní znění vlevo je vždy přesné.
Klikni na větu a ukáže se, kde na skenu stojí. Zvýrazňují se celé řádky, ne přesná slova — místo je tedy přibližné.