Der »Ochsensaal«
Von Ernestine Müller, Lehrerin
Es war wohl allgemein bekannt, daß Schlaggenwald mit seinem großen Saal im Hotel „Zum roten Ochsen" die geräumigste Festhalle des ehemaligen Elbogner Bezirkes besaß. Dieser große Saal eignete sich in vortrefflicher Weise für die verschiedensten Zwecke, wie Kino, Theater, Konzerte, Bälle, Kundgebungen und später sogar als Turnraum, da der Saal bei „Müller" sich als zu beengt erwies. Durch den anschließenden kleinen Saal war auch die Möglichkeit gegeben, genügend Leute bei Tanzunterhaltungen unterzubringen.
Schlaggenwald war sehr theaterfreudig und erlebte bereits in der Zeit, bevor ich dahin versetzt wurde, hervorragende Operettenaufführungen, die unter der bewährten Leitung von Herrn Oberlehrer Sturm über die Bühne gingen und aus dem ganzen Umkreis besucht wurden. Ich erinnere nur an den „Zigeunerbaron", „die Glocken von Corneville", „die schöne Galathee" und „Flotte Bursche". Wenn auch zum Teil auswärtige Kräfte für einzelne Rollen herangezogen wurden, so lag doch die Hauptlast auf den Schultern des Spielleiters und seiner Schlaggenwalder Mitarbeiter, die als Laienspielkräfte sehr gute Leistungen boten und besonders auf weiblicher Seite mit tragenden Rollen erfolgreich beschäftigt waren. In späteren Jahren verlegte man sich mehr auf Lustspielaufführungen, die genau wie vorher die Operetten stets gut besucht wurden und viel Beifall ernteten. Bekannt waren die Theaterabende zu den Weihnachtsfeiertagen und an Silvester, aber auch bei anderen Gelegenheiten. Da jeder Besucher wußte, daß Herr Sturm auf die Minute pünktlich begann, beeilten sich alle, rechtzeitig zu erscheinen und sich im voraus günstige Plätze zu sichern. Vereine, wie Bund und Kulturverband, veranstalteten hin und wieder auch bunte Abende, bei denen der Gesangverein und das Salonorchester durch ihre Beiträge viel zum Gelingen beitrugen. So erinnere ich mich an die Goethefeier 1932 anläßlich der 100. Wiederkehr des Todestages des großen Dichters. Damals hatte Herr Rudolf Herzog das Programm aufgestellt und die Durchführung überwacht, obwohl bereits leidend und im gleichen Jahr verstorben. Natürlich gab es auch Zeiten, da längere Spielpausen eintraten, besonders im Sommer; da sprangen dann bisweilen Wanderbühnen ein.
Im übrigen diente der Ochsensaal als Kinoraum. Als ich 1923 nach Schlaggenwald kam, gab es noch keinen Tonfilm, so daß ich anfangs nur Stummfilme erlebte, die zwar für unsere damaligen Begriffe darstellerisch und inhaltlich oft gut waren, aber mit dem späteren Tonfilm keinen Vergleich aushielten. Zur Faschingszeit wurden die Kinovorstellungen unterbrochen, da der Saal für die verschiedenen Bälle freigehalten werden
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