Schlimme Bubenstreiche
Von all den Modetorheiten ist wohl die männliche Haartracht das ärgste Übel unseres Zeitalters. Unwillkürlich wird man beim Anblick eines Langhaarigen an die eigene Bubenzeit erinnert, wo der Kürbis mit der Viehschere einfach kahlgeschoren wurde, sobald der Schopf den Rockkragen erreicht hatte.
Abgesehen von der schmerzhaften Rupferei und dem Spott der Mitschüler, die uns abwertend als Gescherte bezeichneten, war dieser Haarschnitt der billigste für einen Dorfbengel. Außer den Frauen hatten nur noch Bild- und Instrumentalkünstler das Privileg, ihren Kopfschmuck lang zu tragen. Zu diesen Zünften rechnete sich um das Jahr 1910 auch ein Schlaggenwalder Pädagoge, mit welchem die Bürgerschüler ständig auf Kriegsfuß lebten. Von seinem despotischen Wesen, daß oft grundlos in wüste Prügeleien ausartete, wußten die Buben ein mißtönendes Lied zu singen. Der Stolz des bekannten Herrn, dessen Namen ich nicht nennen möchte, war seine lange Künstlermähne. Wer immer ihn bei guter Laune halten wollte, besorgte sich ein dunkles Frauenhaar und schmeichelte seiner Eitelkeit mit der Feststellung, daß er sie am Katheder gefunden habe und wegen seiner Feinheit nur vom Haupte des Herrn Lehrers stammen konnte. Hierauf entspann sich ein endloser Dialog über die aristokratische Haarpracht des Herrn Fachlehrers, wobei die ganze Klasse auf Tuchfühlung mit ihm stand. Unter den Bewunderern gab es auch Zweifler, welche den Fund als Suppenhaar bezeichneten, das mit dem Mittagessen eines Auswärtigen eingeschleust worden war. Wiederum andere hegten den Verdacht, daß es von einem Kuhschwanz stammen könnte und weitere behaupteten gar, daß es eine Sauborste sei, worauf der Herr Lehrer eine Gleichung zum Schopfe des Spötters zog. Zum Schluß war dann wieder eine kostbare Unterrichtsstunde mit banalen Schnapsideen zweckentfremdet.
Wie schon öfter, hatte der Schulmeister wieder einmal einen Tobsuchtsanfall und jagte mit einem Stock bewaffnet hinter einem Schönfelder Schüler her, auf dessen Rücken sich das Unwetter entlud. Prompt fand sich am nächsten Tag abermals ein langes Haar, welches am Katheder einer wissenschaftlichen Analyse unterzogen wurde. Im Gedränge öffnete der Geprügelte vom Vortag eine kleine Dose und entließ eine stattliche Anzahl Flöhe in den Hemdkragen des Tyrannen, die er seinem Fleischerhund abgeklaubt hatte. Das Gesicht des Leidtragenden sah nach dieser Handlung nicht sehr geistreich aus und die verschworene Bande ergötzte sich in verhaltener Schadenfreude an den Grimassen, welche der Betroffene in seiner kribbelnden Qual schnitt.
Schlechte Beispiele verderben bekanntlich gute Sitten, so daß es mir fern liegt, für die rebellierenden Hippis eine Lanze zu brechen. Doch stets wenn ein Opa am Biertisch über die Verkommenheit der heutigen Jugend wettert, erhält man den Eindruck, als ob die Moralpauker von heute reine Tugendengel gewesen wären, welche nie gegen brutale Gewalt aufbegehrt hätten. Lustig wird es erst dann, wenn ein Zeitgenosse des Schwätzers, dessen eigene Jugend beleuchtet, die auch nicht ganz fleckenrein war.
Sind wir doch ehrlich, Lausbübereien gab es in jeder Generation. Mitunter wurde sogar ein Erzieher, der im blinden Autoritätsfimmel den Knüppel als sittliches Allheilmittel vergötterte, das Opfer einer Schülerrache.
Um nicht als alleiniger Mitschuldiger verdächtigt zu werden, die wahre Begebenheit wurde mir vor Jahren vom Schöberl Karl berichtet, dessen Jahrgang Zeuge dieses geschilderten Bubenstreiches war.
Heinrich Hess
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