Erinnerung an Schlaggenwald und Umgebung
Eine Schlaggenwalderin bin ich zwar nicht, aber durch die Bekanntschaft zweier junger Menschen vor vielen Jahren fühle ich mich zugehörig. Meine mütterliche Zuneigung zu einem dieser jungen Menschen von damals ist bis auf den heutigen Tag noch lebendig, obwohl bereits mehr als 40 Jahre dahingewandert sind. Wie diese Bekanntschaft zustande kam, will ich heute im Heimatbrief veröffentlichen.
An einem frühen Herbstabend 1932 besuchte ich wie gewöhnlich den festgesetzten Chorabend meines Frauenvereines. Von jeher musikliebend und dem Gesang zugetan, versäumte ich die Proben nie. Wir haben damals in Potsdam einen guten und fortschrittlichen Gesang geübt und bildeten einen stattlichen Kreis von Sängerinnen. Auch an diesem Abend waren wir wieder zahlreich vertreten. Nach einem neu eingeübten Lied ließ der Dirigent seinen Taktstock sinken und in die folgende Stille sagte er: „Im Nebenraum befinden sich zwei Auslandsdeutsche aus dem Sudetenland. Ist jemand bereit diese aufzunehmen? Beide sind mit Fahrrädern unterwegs und haben noch keine Unterkunft.
Die Worte waren in der Stille des Raumes noch nicht verhallt, als ich mich schon bereiterklärte, beide aufzunehmen. Nun muß ich bemerken, daß mir und meinem Mann die Auslandsdeutschen stets nahestanden. Unter den vielen Vereinen, denen wir angehörten, waren wir im Bund für Auslandsdeutschtum besonders tätig. So hatten wir oftmals Gelegenheit Gäste aus Siebenbürgen und anderen Ländern zu beherbergen. Außerdem lebte eine Schwester von mir im sächsischen Erzgebirge und somit kamen wir sehr oft zum Wintersport nach Gottesgab und in die dortige Umgebung. So war auch mein Mann nicht überrascht, als ich an diesem Abend zwei junge Menschen von der Chorstunde mit heimbrachte. Für die Abenteuerlust hatten wir auch Verständnis, denn viele junge Menschen wollen einmal ein Stückchen mehr von der Welt sehen. Heute ist das ja kein Problem mehr. Aber damals war es viel schwieriger, weil die Mittel fehlten weite Reisen zu unternehmen.
So waren auch meine beiden Schützlinge mit dem Fahrrad unterwegs. Es galt damals als das übliche Fortbewegungsmittel und man konnte damit wirklich weite Strecken zurücklegen, wenn es einem die Zeit erlaubte. Nun, diese beiden Jungs hatten Zeit, denn in ihrer Heimat war die Arbeitslosigkeit eingekehrt. Ich selbst war in frühester Jugend weit gereist. So habe ich kaum 16jährig allein eine Reise von 1911 — 1914 von Brandenburg nach Chile unternommen. Damals war das Reisen kein so moderner Begriff wie heute. Es war schon ungewöhnlich für so ein junges Ding gleich zwei Ozeane zu befahren. Bei Kap Horn wurde das Schiffchen ganz gehörig geschüttelt. Damals gab es noch keinen Panama-Kanal, der den Weg erheblich abkürzt, so mußte man noch ganz Südamerika umfahren.
Meine Aufnahme bei den deutschen Siedlern, die ja auch aus irgendeinem Grunde die Heimat zwangsweise verlassen hatten, war unbeschreiblich herzlich. Nie werde ich diese Begebenheit vergessen. Sie waren aber mit der alten Heimat noch genau so verbunden, wie ich es aus den Heimatbriefen der Schlaggenwalder herauslesen kann, wie die in die Bundesrepublik eingewiesenen Vertriebenen. Auch von mir erwartete man nun, daß ich sehr viel von der Heimat berichte, und so wurde ich von Farm zu Farm gereicht. So lernte ich schon recht früh, wie es den Menschen an seine Heimat fesselt, wenn er diese nicht erreichen kann. Viele Wochen gingen dahin mit erzählen und
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