Schlaggenwälder Heimatbrief — prosinec 2009 / leden 2010
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Moje hodná teta Amálie

## Meine gute Tante Amalie
Von Christiane Fechter

Tante Amalie Fechter, geborene Frech aus Gfell, wird am 14. Dezember, so Gott will, 90 Jahre alt. Sie lebt in Kahl am Main, und ich, ihre Nichte Christl, lebe im Staate Utah im fernen Amerika. Daher ist unser Telefon mehrmals in der Woche belegt, denn wir „gwåtschn va daham".
Tante Amalie ist in ihrem hohen Alter noch bei gutem Verstand. Sie weiß noch alles von früher, und ich kann sie ausfragen. Sie hat die Handschrift einer 20jährigen. Mit dem Häkeln und Stricken geht es nicht mehr so gut. Sie fertigte immer Hasen, Katzen und Hühnchen aus Wolle an, die man zu Ostern auf die Eier setzen konnte. Jetzt ist es ihr morgendliches Vergnügen, aus den Zeitschriften die Kreuzworträtsel „auszakliegln". Wenn sie ein Wort nicht gleich findet, dann wird sie ungehalten und „tampat" mit dem Stift auf den Tisch. Am Sonntag kommt ihr Sohn zu Besuch, weil er sich an der Mutter ihren guten „bäihmischn Knia(dlan, uan Schweinarn u Pumpaskraut dagoutan w(üll".
Onkel Albert und Tante Amalie hatten es, wie alle Vertriebenen, am Anfang nicht leicht. Sie schufteten, um ihr Haus und dann ein Geschäft aufzubauen. Es ging gut, und Tante Amalie, die nicht mehr so jung war, machte den Führerschein, um öfters sehr früh nach Frankfurt zu fahren und frisches Gemüse für den Laden zu holen. (Sie fährt auch heute noch Auto, aber nur kurze Strecken.) Leider starb Albert früh, und Amalie führte das Geschäft noch ein Jahr weiter. Danach mußte sie es jedoch übergeben, half aber immer wieder aus. Sie ist bei den Leuten sehr geachtet und wird heute noch mit „Frau Fechter" von allen im Ort angesprochen. Mit 76 Jahren hörte sie dann ganz auf.
Nun konnte sie ihren Lieblingsbeschäftigungen nachgehen: Lösen von Kreuzworträtseln, Häkeln, Stricken und so manches andere. Als sie noch den Laden hatte, war sie oft bei Festlichkeiten gefragt, um Platten mit Wurst, Käse und anderen Köstlichkeiten zu richten. Ja, das Verzieren, das konnte niemand besser als sie, da war sie eine richtige Künstlerin. Sie konnte aus Butter die schönsten Rosen, aus Ananas Schwäne mit Kopf und Hals gestalten, aus Zitronen Blumenkörbchen und aus einem Ei einen „Fliegenpilz": Das geschälte, geköpfte „Gåggarl" erhielt den runden Abschnitt einer Tomate (eines Paradeisers!) aufgesetzt, der „Hout" Tupfen mit Mayonnaise!
Meine Tante Amalie ist gewandt und vielseitig interessiert. Als sie dann in ihren Siebzigern war und ich in meinen Sechzigern, da reiste ich in der Welt herum. Anhand meines Reiseplans folgte sie mir von Land zu Land im Atlas oder auf dem Globus, mit denen sie jedes Reiseziel fand. Ich mußte ihr von jedem Land einen Stein mitbringen, den sie mit einem Geologiebuch bestimmte und dann aufhob.
Nun möchte ich noch ein wenig von ihr und „daham" erzählen. Nach dem letzten Krieg hatten wir in Gfell einen tschechischen Kommissar namens Milosch. Da Onkel Albert Tschechisch konnte, brauchte ihn Milosch oft. Einmal hatte der Kommissar Gelüste auf Fleisch und bedrängte Albert, er solle ein Kalb „schwarz" schlachten, wobei er ihm eine Hälfte überlassen wolle. Mein Onkel konnte es wohl schlachten, ausziehen nicht. Aber Tante Amalie konnte es. Sie hatte es von ihrem Großvater, der ein Förster war, an Hasen und Füchsen gelernt, und vom Vater, der die Jagd von Poschitzau gepachtet hatte, auch an Rehen. So „verschwanden" etliche Kälber von unseren zwei Höfen. Es mußte aber alles „unter der Hand" gemacht werden. Das Ausziehen geschah im leeren Schweinestall. (Die Russen hatten die Schweine nach und nach erschossen und mitgenommen.) Es kam vor, daß wir hinter Miloschs Rücken ein weiteres Tier schlachteten. Auch das mußte geheimgehalten und in der Scheune erledigt werden. Onkel Albert stand Wache, Tante Amalie und Johan, ein russischer Fremdarbeiter, der dichthielt, zogen den Tierkörper mit einem dicken Strick am Haken nach oben.

[obr] (bez popisku) (portrét oslavenkyně – starší dáma s brýlemi v bílé halence)

Anmerkung:
Die Jubilarin nahm am Treffen der Landsleute am 12. Juli 2009 in der Patenstadt Auerbach i.d. Opf. teil. Heimatfreunde und Heimatbrief gratulieren zum „runden" Geburtstag auf das herzlichste!

Alle Familien, auch die Flüchtlinge, waren wieder für einige Zeit versorgt.
In meinem Gedächtnis hat sich fest eingeprägt, daß Tante Amalie eine liebe Person und eine gute Christin ist. Ich habe sie nie lügen oder über jemand falsch reden gehört. Sie ist immer für andere da. Am Morgen, wenn sie aufsteht, dankt sie dem Herrgott, daß sie gut schlafen konnte, und jeden Abend sagt sie vor dem Zubettgehen wieder Dank für den Tag.
Ich hoffe, daß uns beiden der liebe Gott noch ein Weilchen hier auf Erden gibt, auf daß wir noch möglichst oft über den Großen Teich ein wenig „gwatschn" können.

Ze dnů dětství

## Aus Kindheitstagen
Im letzten Jahr war mir, einem kleinen Mädchen, das Christkind hold gewesen. Es hatte mich reichlich beschenkt und mir auch einen gelben Puppenwagen gebracht, in dessen Dach auf jeder Seite ein Fenster angebracht war. Die Puppe, die im Wagen lag, schloß ich gleich in mein Herz. Ich taufte sie Hanni. Sie war mein ein und alles, meine Freundin, die mich auf vielen Reisen begleitete.
Nun sollte in ein paar Tagen wieder das Christkind kommen, aber auf einmal war Hanni weg, verschwunden. Ich fand sie nicht mehr, so sehr ich auch danach suchte. Weihnachten ohne meine geliebte Puppe, das konnte ich mir nicht vorstellen. So saß ich denn traurig mit am Tisch, konnte mich nicht freuen und harrte der Dinge, die da kommen sollten.
Am Heiligen Abend, alles war gut vorbereitet, waren wir um den festlich gedeckten Tisch versammelt und beteten vor dem Essen. In Gedanken war ich aber bei Hanni. Wo mochte sie geblieben sein? Ich fand keine Andacht. Für den ovalen Teller, auf dem die panierten Stücke des Karpfens appetitlich lagen, den böhmischen Kartoffelsalat und all die anderen Köstlichkeiten, hatte ich kein Auge. Ich löffelte nur vorher in der üblichen Fischsuppe mit den gerösteten Semmelbröckerln lustlos herum, was mir von Mama eine Ermahnung eintrug. Papa, der sich an dem eigens für ihn gebackenen Apfelstrudel gütlich getan hatte, holte mich nach der Mahlzeit zum Fenster und sagte begütigend: „Schau, Elvi, dort kommt vom Waldrand her das Christkind." Ich starrte in die Nacht, sah den sternenübersäten Himmel, glaubte ein Lichtlein zu erkennen, das langsam näherkam, denn ich vertraute ihm, der doch immer so Wundersames erzählen konnte.
Auf einmal läutete ein Glöckchen, das Licht im Zimmer ging aus, und nur die brennenden Kerzen verbreiteten eine milde Helle. Ich schaute mich verwundert um. Unter dem Christbaum saß Hanni mit einem neuen rosafarbenen Kleidchen. Meine Hanni war wieder da! Jetzt war Weihnachten! Vor lauter Jubilieren vergaß ich sogar die süßen Leckereien, die am Weihnachtsbaum hingen. Das war wohl mein schönstes Christfest, denn mit dem Fortschreiten der Jahre verlor es jedes Mal ein wenig von jener geheimnisvollen Ausstrahlung, die vor allem die Phantasie im Gemüt der Kinder beflügelt.

Elvira Höss (Zhorzel), Ruhpolding, früher Töppeles

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