Schlaggenwälder Heimatbrief — červen / červenec 2008
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„Seznam vagonu"

Eger möglich, sich eine Kopie der „Waggonliste" als zeitgeschichtliches Dokument aus der Vertreibung 1946 zu beschaffen, das für einen schrecklichen Abschnitt bei unserem „Abschub" (tsch. odsun) Zeugnis ablegt. Bitte beachten: Von der Vertreibung in die damalige Sowjetzone gibt es leider (bis jetzt) keine Unterlagen!
Interessierte Leser schreiben an den Sudetendeutschen Museums- und Archivverein, Hochstraße 8, 81669 München, nennen Namen, Vornamen, das Alter 1946, den Heimatort/Kreis, Vertreibungs- bzw. Transportmonat und fügen einen Freiumschlag bei. Der Bezug der Liste ist kostenlos. Bitte den Eingang mit einer Spende honorieren!
Bestimmte Angaben in diesem „Transportverzeichnis", z.B. zur Nationalität „German" (deutsch) und zum Beruf „household" (Hausfrau) sind in englischer Sprache gehalten, dienten die Listen doch der Übergabe an die amerikanische Besatzungsmacht. Wir, die vertriebenen Insassen der Waggons, waren nur Verschubmasse, beraubt, entwürdigt, wie Vieh in Güterwagen gepreßt, heimatlos, wertlos ...
Schlaglichter: Vor mir liegt das „Verzeichnis der ... abgeschobenen Personen", in dem auch ich, Euer Heimatbriefschreiber, unter der lfd. Nr. 354 verzeichnet bin. Sammelpunkt Neusattl, 9.9.46, Waggon Nr. 12. Es folgen die Namen von weiteren 29 Personen, die, willkürlich oder zufällig zusammengewürfelt, den fahrbaren, eisernen Untersatz „Viehwaggon" für ihre „Abschubreise" in den Westen zu teilen hatten. Ziel unbekannt, Schicksal ungewiß!
Was haben die alliierten Politiker damals, bereits bei ihren Konferenzen vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges, den wir weder gewollt noch zu vertreten haben, geplant und beschlossen und dann danach mit uns machen lassen? Waren sich die Verantwortlichen über die Tragweite ihres gewissenlosen Tuns im klaren? Die Ungeheuerlichkeit dieses schandbaren Verbrechens im Zeichen der Kollektivschuld: Němci ven! (Deutsche hinaus!) und gegen jedwede Menschlichkeit läßt auch jetzt noch zutiefst erschaudern! Unschuldige Bewohner aus ihrer angestammten Heimat vertreiben wie Vieh! Und wie verhält sich dazu die angebliche Wertegemeinschaft namens Europäische Union (EU)? Heute werden Vertreibungen überall in der Welt gebrandmarkt, ihre Urheber als Verbrecher in Den Haag vor Gericht gestellt. Zählt denn unsere Vertreibung nicht (mehr) dazu? Verhält man sich lieber opportun und gibt dem herrschenden „Zeitgeist der Zweckmäßigkeit" (political correctness) den Vorrang? Hat man doch den Vertreiberstaat CR ohne Wenn und Aber in diese Wertegemeinschaft aufgenommen! Es lebe das Duckmäusertum!
Mein Großvater, Sozialdemokrat der alten Schule, war mit seinen 79 Jahren gemäß Liste der älteste Mitreisende im gedeckten Güterwaggon. Wie mochte ihm damals zumute gewesen sein? Als der „Abschubtermin" feststand, kam er am Vortag vom Friedhof zurück, wo er am Grab seiner Frau, unserer Großmutter, Abschied genommen hatte. Er stand,

auf seinen Stock gestützt, aufrecht in der Tür und entgegnete auf die Frage, wo er denn so lange gewesen war, bleich und mit versteinerter Miene, daß er nun mit uns, seinen Kindern, die Heimat verlassen wolle und sich nichts sehnlicher wünsche, als das schreckliche Dasein unter dem Terror der Tschechen hinter sich zu lassen.
Sein Wunsch ging in Erfüllung. Nach einigen Tagen im Lager Neusattl verließ er unter der lfd. Nr. 351 im Wagen Nr. 12 das Land der Väter, fand nach mühevoller Fahrt in Pörndorf, Kreis Eggenfelden, Niederbayern, notdürftig eine Bleibe, überlebte im Dezember 1947 eine Übersiedlung nach Oberbayern nur wenige Wochen und fand im Jänner 1948 in Utting am Ammersee, fern seiner geliebten Heimat, seine letzte Ruhe. Vertriebenenschicksal, stellvertretend für viele tausend andere, erlebt, erlitten, erduldet.
Das furchtbare Geschehen jener Tage bleibt wie ein Trauma unvergeßlich und wird uns in der Erinnerung als dunkler Schatten auf unserem Wege begleiten.
F.P.

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