Heimat
„Heimat – ein schönes Wort, wer's recht verstünde", könnte man frei nach J.W. von Goethe zitieren, gehen doch die Meinungen darüber weit auseinander. Wenn man ansässige Bewohner einer Gegend fragt, was für sie Heimat bedeute, so äußern sie ähnliche und verschiedene landläufige und auch oberflächliche Ansichten, die alle – einzeln oder zusammen – auf mancherlei Weise zutreffend sind:
Heimat sei dort, wo man geboren oder aufgewachsen, zur Schule gegangen oder wie ein Baum verwurzelt ist, bewußt die Kindheit erlebt oder die Jugendzeit verbracht hat, wo man in seiner Muttersprache reden kann, wo vertraute Menschen leben, wo immer man seinen Lebensfaden festgemacht hat oder ganz einfach dort, wo es einem gutgeht.
Heimat, dieses traute Wort, und die Liebe des Menschen zu ihr, in vielen Gedichten beschrieben und gepriesen, in Liedern ohne Zahl besungen und verherrlicht, Thema von Film und Fernsehen, oft mißverstanden und bis zur Gefühlsduselei herabgewürdigt, läßt sich nicht leicht erfassen. Wenn auch eine Erklärung unvollkommen bleiben muß, sollte doch in diesem Buch versucht werden, diesem Begriff etwas näherzukommen.
Heimat ist sicherlich nicht nur der zufällige Ort der Geburt. Liebe zur Heimat ist beileibe kein engstirniger Fanatismus, auch kein kleingeistiger, provinzieller Patriotismus, weder Volkstümelei, Folklore noch Kult, wie es heutzutage oft den Anschein hat. Und stimmt es nicht bedenklich, wenn über die Zerstörung von Natur und Umwelt heftig gestritten wird, dabei aber Begriffe wie „Heimat" und „Liebe zur Heimat" meist unerwähnt bleiben?
Heimat ist nicht selbstverständlich, ihr Besitz ist nie ungefährdet, wie die Flüchtlingsströme der Geschichte beweisen.
Heimat kann nicht verordnet und auch nicht zugeteilt, sondern muß von jedem selbst erworben werden, was im Kindesalter sorglos, spielerisch und ohne besondere Anstrengung geschieht. Das Kind erschließt sich Elternhaus, Umgebung, Region, kann sich darin entfalten, erhält hier seine tiefsten Eindrücke und erinnert sich später an viele Begebenheiten dieser Zeit. Wer immer eine Heimat verlassen mußte, den lassen die Erinnerungen daran ein Leben lang nicht mehr los. Und gemeinsame Erinnerungen verbinden.
Heimat ist auch nicht beliebig austauschbar. Wenn jemand seine echte, wirkliche Heimat verläßt, woanders hingeht und nicht mehr zurückkehrt, so hat er sie wohl für immer verloren; er wird heimatlos. Andere Begriffe, wie „in der Fremde leben" oder „Heimweh haben", bestätigen dies. In einem anderen Land kann man Fuß fassen, sich anpassen und einleben, sogar „heimisch" fühlen. Von einer „neuen" oder „zweiten" Heimat (gibt es auch eine dritte, vierte?) zu reden, erscheint zumindest problematisch und gewagt. Menschen ohne Heimat sind Entwurzelte, die sich einsam und verlassen fühlen, sich ängstlich verkriechen oder auf der Suche nach einer neuen Heimstatt, nach Schutz und Geborgenheit im Strudel des Lebens unstet, ziel- und planlos umhertreiben. Wenn sie keine dauernde Bleibe mehr finden, ist ihr Weg zu ständiger Wanderschaft vorgezeichnet.
Heimatgefühl ist nicht von eigenem ererbten oder erworbenen Grund und Boden abhängig. Wer jedoch nichts besitzt, ist ohne Heimat und gilt als nicht seßhaft. In Haus und Hof hat jeder sein kleines, persönliches Reich, das er gestalten darf. Jeder hat seinen Namen, genießt Ansehen und wird geachtet. Heimat schafft daher Selbstvertrauen und Selbstbewußtsein. Auf Heimat darf man stolz sein. Wer aber Hab und Gut verliert, klagt bitter: „Nun hab' ich keine Heimat mehr."
Heimat ist kein starres, ewig gleichbleibendes Gebilde, und der Webstuhl der Zeit steht auch in ihr nie still. Auch sie wandelt im Laufe der Geschichte ihr Gesicht, so wie Zeiten
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